Spuren | WECHSLER im Farbenrausch - Caraz und die Cordillera Blanca

Blog-Beitrag Nr. 3

 

Moin Moin!

Auch unser dritter Beitrag trifft uns bei bester Gesundheit und guter Laune in der Höhe von 3.700 m an. Ich sitze auf einem Balkon im 5. Stock eines modernen Gebäudes in der Sonne und schaue auf die trubelige 350.000 Einwohner-Stadt Huancayo herab. Idyllisch? Gerade nicht wirklich! Unten pfeifen zwei Verkehrspolizistinnen im gegenseitigen Wechsel auf der Pfeife, als ginge es um ihr pures Überleben und das Hupkonzert ist ohrenbetäubend. Ich habe Ohrenstöpsel im Ohr…

 

Wir sind demnach bereits weitergezogen, haben die Cordillera Blanca schweren Herzens zunächst in Richtung Lima verlassen und sind anschließend in einer Blechlawine mit Geschwindigkeiten zwischen 20 und 40 km/h die Carretera Central in das Zentrale Hochland heraufgeschlichen. Erneut ging es stets bergauf – vom Meeresspiegelniveau auf Höhen von 4.000 m und mehr. Um es vorweg zu nehmen: Unsere Höhenanpassung ist dieses Mal hervorragend gelungen!

 

Vom Zentralen Hochland dann im nächsten Blog mehr.

 

Kommt ‚IN die SPUR‘, Leute!

 

Kleiner Plausch am Markt, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Kleiner Plausch am Markt, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Mit dem Colectivo von Huaraz nach Caraz

Wir fahren von Huaraz per Colectivo ins wesentlich kleinere, gut 50 km entfernte Caraz weiter, weil wir uns hier ein wenig mehr Ruhe und Entspannung erhoffen und näher an sehenswerte Ziele heranrücken. Colectivos sind diese praktischen Sammeltaxis, meist Kleinbusse, die täglich bestimmte Strecken abfahren und jeden einsammeln, der entlang des Weges nicht schnell genug das Weite sucht… An markanten Punkten im Zentrum abfahrend, meist sind sie hier schon voll, fährt das Colectivo seine täglich mehrfach zu leistende Strecke ab, stets jeden anhupend und nach weiteren Fahrgästen suchend.

 

Das Ganze ist ein sehenswertes Schauspiel: Trotz Höllentempos ist die Seitentür geöffnet, ein Mitarbeiter krampft sich darin, stehend, fest und ruft permanent das Ziel aus. Es ist sein Job die Bürgersteige abzuklappern, mit dem Fahrer zu kommunizieren und jeden potentiellen Fahrgast an Bord zu nehmen, der das per Handzeichen nur ansatzweise signalisiert. Bestenfalls in Millisekunden: Radikalbremsung, Tür noch weiter aufreißen, Gepäck an Bord hieven und Kunden zur Not nachschieben, Tür zu, weiter. Keine Zeit verlieren, je häufiger das Colectivo am Tag mit voller Ladung die Strecke abreißt, desto lukrativer… So passen auch mal 17 (!) Leute und mehr in so einen Kleinbus rein, sich gegenseitig quetschend, teils stehend, aufeinander hockend, damit sich der extrem niedrige Fahrtpreis über die Quantität rentiert… So saßen wir schon neben Hühnern, offenen Ölkanistern und Säcken voll Mais und haben für 2,- € 50 km-Wegstrecke zurückgelegt.

 

Plaza de Armas, das Zentrum in Caraz, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Plaza de Armas, das Zentrum in Caraz, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
... und einfach mal irgendeine Staße abseits der Plaza, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
... und einfach mal irgendeine Staße abseits der Plaza, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Gut 2 Stunden fahren wir – in diesem Fall deutlich entspannter und in einem Colectivo mit ausreichend Beinfreiheit – nach Caraz, wo wir bereits ein Hostel – eher schon eine Pension – vorausgebucht haben. Diese stellt sich als Volltreffer heraus, neu, gepflegt, günstig und hervorragend gelegen, etwas abseits der motorigen Hauptstraßen aber fußläufig zur zentralen Plaza. Dachterrasse und Küchennutzung inklusive sowie wirklich nette Gastgeber. In der jetzt folgenden Woche wäre es fast ein erstes Mal passiert: Wir hätten uns fast so sehr in Caraz verliebt, dass wir uns dort erstmal niedergelassen hätten… Dabei fangen wir doch erst zu Reisen an!

 

Wir erfreuen uns eines wunderbar unaufgeregten Örtchens mit freundlichen Menschen, eines schönen Stadtkerns mit alten Hausfassaden, einer angenehmen zentralen Plaza und des unfassbar interessanten und bunten Marktgeschehens der Stadt. Man kann jederzeit und überall in die kleinen TucTuc’s steigen und bräuchte eigentlich nicht zu laufen (wir tun es trotzdem ausschließlich), überall finden sich kleine, ich nenne sie mal ‚Tante Emma-Lädchen‘, in denen das Wichtigste zu kaufen ist (allein in unserer Straße 7 Läden) und man kann überall und zu jeder Tag- und Nachtzeit irgendwo etwas zu essen bekommen. Wir genießen dieses leichte Leben, laufen die kleinen Straßen und Gassen ab, probieren uns weiter durch die Küche Perus (Hannah und Luisa: Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein, Magda hat tatsächlich - also allen Ernstes und gegen meinen Protest! - ein Cuy, ein Meerschweinchen, gegessen…!) und schauen aus unserem Lieblingscafé dem Treiben auf der Straße zu. Im Hintergrund auch hier: Überall Berge satt!

 

Wir sind neben ganz wenigen Ausnahmen, beinahe die einzigen Traveller hier und genießen die Ruhe im Ort – offenbar haben die starken Regenfälle Anfang des Jahres doch zahlreiche Reisende von dieser Gegend abgehalten: Selber schuld! Das Leben und der Müßiggang hier könnten also nicht leichter sein, wären da nicht all die Ausflugsziele in der Umgebung…

 

Die Laguna Parón, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Die Laguna Parón, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Die Laguna Orconcocha, im Hintergrund der Huascaran Norte, bei Yungay, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Die Laguna Orconcocha, im Hintergrund der Huascaran Norte, bei Yungay, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Zuflüsse aus den umliegenden Bergen, Laguna Orconcocha, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Zuflüsse aus den umliegenden Bergen, Laguna Orconcocha, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Farbenrausch und faszinierende Panoramen – Lagunas der Cordillera Blanca

Einer der Vorzüge von Caraz ist die Lage: Caraz – wie Huaraz eingerahmt von fantastischer Bergwelt –  liegt zu Füßen der wohl schönsten Lagunen, die das Land zu bieten hat. Auf keinem Wege kommt man zudem leichter an die Berggiganten heran, als beim Besuch dieser leuchtenden Gewässer. Natürlich könnte man sie auch direkt selbst besteigen, aber Bergsteiger sind wir nicht! Über Caraz sind sie vergleichsweise schnell, individuell und zu zivilen Zeiten zu besuchen, anders als es die Tourenangebote in Huaraz versprechen, die morgens schon um 5:00 Uhr starten, weil Anreisen (Abreisen dann erneut) von mindestens 3 Stunden obligatorisch sind…

 

Wir nehmen uns die Lagunen mit etwas Abstand vor, weil sie auf Höhen von bis zu 4.300 m liegen und der Aufstiegsritt durch die unbefestigten, felsigen Bergserpentinen selbst mit dem PKW einiges an Anstrengungen abverlangt. Alternativen wären mehrstündige, eher tagelange Aufstiege über teils steile Trekkingwege, mit Gepäck, Verpflegung und allem Drum und Dran, um oben angekommen nachts bei Minusgraden zu campen… Für uns stand die Entscheidung schnell fest: In dieser Höhe fahren wir! Wir wissen, wir werden mit dem Ablaufen der Seen und dem Erklimmen der Aussichtspunkte in dieser Höhe genug zu tun haben.

 

Über Yungay – vom Erdbeben des Jahres 1970 nahezu vollständig vernichtet, fast alle 20.000 Einwohner kamen ums Leben, als eine Schnee- und Gletscherwand des Huascarán das Tal hinab walzte – erklimmen wir zunächst das Llanganuco-Tal. Wir werden sekündlich hin und her geschüttelt, nehmen eine Serpentine nach der anderen und überqueren 28 staubige Straßenkilometer und 1.350 Höhenmeter, vorbei an Feldern und Häusern der Campesinos, die hier der Erde einfach alles, was wir kennen und vieles mehr, abringen. Uns stockt der Atem, angesichts der unfassbar weiten Blicke in das untenliegende Tal, vor allem aber angesichts der Schlucht durch die wir jetzt fahren: 1.000 m hohe steile Granitwände zu beiden Seiten unseres Weges, berstende Wasserfälle und ein dunkler Schatten, der sich nun erstmal über uns ausbreitet. Wir fühlen uns hier plötzlich sehr, sehr klein…

 

Die Steilwände zwischen denen man zur Laguna Parón aufsteigt, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Die Steilwände zwischen denen man zur Laguna Parón aufsteigt, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ausblick vom Miradortrek auf die Laguna Parón, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ausblick vom Miradortrek auf die Laguna Parón, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)

Flora und Landschaft an den Lagunas Llanganucos, bei Yungay, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Flora und Landschaft an den Lagunas Llanganucos, bei Yungay, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Oben dann erstrahlt das Llanganuco-Tal in hellem Glanz, seine zwei Lagunen Chinancocha und Orconcocham strahlen – eingebettet in einem faszinierenden Gletscherareal samt blühender Flora – in sattem Türkis und Smaragd-Grün. Ihr Anblick ist herzergreifend. Wir laufen beide Seen in gut 3 Stunden ab, sind mal oberhalb des Wassers, mal direkt am Wasser selbst, erklimmen Aussichtspunkte und bestaunen die nun blank liegenden, schnee- und gletscherbewehrten Riesen an den Flanken des Tals. So blicken wir unmittelbar – uns trennen nur noch wenige Kilometer – auf den Huascarán Norte (6.654 m), erblicken die weiße Spitze des Huandoy Sur (6.160 m) und sind auf Tuchfühlung mit den Giganten Chacraraju (6.112 m) und Chopicalqui (6.354 m). Leider wird beim Blick in die Gletscherflächen des Huascarán aber auch deutlich: Bei aller Freude über die Schönheit der Cordillera Blanca, ihre Gletscher gehen seit Jahren bedenklich zurück und offenbaren auch hier den Klimawandel.

 

Ein paar Tage später nehmen wir uns die noch näher an Caraz gelegene und doch noch schwieriger zu erreichende Laguna Parón vor. Auch hier steigen wir furchterregend auf, auch hier passieren wir sagenhafte Schluchten, auch hier haut uns das nun erstrahlende Türkies-Blau des Sees schlicht um. Noch imposanter, noch eindrucksvoller als beim Llanganuco-Tal liegt hier der Parón-See flankiert von einem schwindelerregend schönen und kolossalen Bergpanorama. Wir erklimmen zunächst den Mirador – ein Aussichtspunkt auf den See und den rechts von uns thronenden Huandoy Norte (5.900 m) und sind schon von dieser Bergtour ziemlich angeknockt, denn es geht in der dünnen Luft steil bergauf… Immer wieder die Höhe!

 

Anschließend besuchen wir das Ufer des Sees und laufen den See – immer etwa 10 – 15 m über ihm und zu Füßen senkrechter Bergflanken – seine nördliche Seite ab. Mit jedem Meter verändern sich die Perspektiven, erscheinen weitere weiße Gletscherflächen und Gipfel immer weiterer Riesen… Der schönste Berg in dieser Gegend: Die Pirámyde Garcilaso (5.885 m), die sich immer wieder herrlich im ruhigen Wasser des Parón-Sees spiegelt. Wer jetzt denkt: ‚Das wiederholt sich irgendwie alles‘, ‚das muss ja langweilig sein‘, dem sei gesagt: Wir können uns daran nicht statt sehen! Wir setzen uns an den Rand des Gewässers und genießen einfach die friedlich wirkende Szenerie, das unsagbare Leuchten der Natur und die Stille, die sich hier oben ausbreitet.

 

Allein für die zwei Täler würden wir erneut in die Cordillera Blanca reisen.

 

Der Blick auf die Pirámide Garcilaso und den Gipfel des Chacranraju, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Blick auf die Pirámide Garcilaso und den Gipfel des Chacranraju, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Caraz und die schönsten Farben der Welt

Zurück in Caraz erleben wir weitere farbenfrohe Eindrücke der peruanischen Bergwelt. Schon seit einiger Zeit hören wir die Musik, die zur Plaza dringt und von einem Umzug stammt, in dem örtliche Institutionen – Schulen, Universitäten, Kirchen etc. – im Rahmen einer Prozession durch die Gassen der Stadt ziehen und der „Jungfrau Maria“ gedenken. Nun erscheint der Zug direkt vor uns, traditionell gekleidete und verkleidete Gruppen marschieren tanzend, musizierend und mit offensichtlich viel Spaß an uns vorbei… Noch den ganzen Tag und auch in der Nacht finden – für uns – unkoordiniert und nicht lokalisierbar Feierlichkeiten und Fiestas statt.

 

Umzug zu Ehren der Hl. Maria, Caraz, Peru (Fotos Magdalena Bosak)
Umzug zu Ehren der Hl. Maria, Caraz, Peru (Fotos Magdalena Bosak)

 

Aber ein ganz anderes Farbenspiel erfreut uns noch deutlich mehr: Die Stadt ist voll von den schönsten Farben der Welt: Blau – Schwarz – Weiß! In Caraz fahren kaum Autos, dafür sind die kleinen engen Gassen auch fast zu klein… Das Transportmittel der Wahl ist das TucTuc (Motorraddreiräder oder -rikschas), die im Stadtbereich fast jeden Transport übernehmen. Das schöne ist, dass diese flinken Verkehrsteilnehmer in Caraz fast ausschließlich in den wunderbaren Farben Schwarz – Weiß – Blau geschmückt sind. Und noch besser ist: Es fahren überall Rauten… Ich sehe tagein tagaus Rauten durch die Gegend fahren und bin selig. Wenn zur „echten Raute“ auch noch etwas fehlt, muss festgehalten werden: Die Stadt ist HSV-Stadt! Und tatsächlich: Es vergehen keine zwei Tage in Caraz – mehr als 10.000 km Luftlinie von Hamburg entfernt und am Ende der Welt – und siehe da: Mir laufen an einem Tag drei (!) HSV-Trikot-Träger entgegen. Natürlich bin ich baff! Caraz – HSV-Stadt!

 

Einen Rauten-Träger traue ich mich anzusprechen: Ein Lastenträger, der schwerere Lasten mit einem zweirädrigen Karren durch den Ort schiebt oder zieht, Mordsjob, den er da verrichtet, angesichts des Rauf und Runter hier. Er ist natürlich etwas irritiert, weiß wohl nicht so recht, was dieser komische Deutsche ständig auf seine Brust tippt und sich freut… Dann ein paar Brocken spanisch: „Hamburgo! Mi club de futból! HSV!?!“ Er scheint zu verstehen, ist sich aber wohl nicht ganz sicher, was das nun bedeuten soll! Dann der Deutsche: „Por favor, un foto?“ Was bleibt ihm übrig, schäumt der Deutsche  doch vor Freude und Enthusiasmus förmlich über… Klick, klick! „Mi amigo!“ sage ich noch zum Abschied!

 

Nun freut er sich auch ein wenig und wird wahrscheinlich gleich seinen Kumpels von dem komischen Gringo erzählen…

 

Typische Motorradrikschas in Caraz...
Typische Motorradrikschas in Caraz...
... in den schönsten Farben der Welt und "unechte" Rauten...
... in den schönsten Farben der Welt und "unechte" Rauten...
Und: Echte Rauten, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Und: Echte Rauten, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Von Tunneln, Schluchten und abenteuerlichen Straßen – Cañon del Pato

Berge gehen in die Höhe, das bringt in der Regel auch Tiefen mit sich… Eine besonders eindrucksvolle Schlucht nördlich von Caraz ist der berühmte Cañon del Pato. Wir sind mit dem Colectivo im Callejón de Huaylas in Richtung Huallanca unterwegs, einem kleinen Dörfchen, das eingezwängt auf einer Insel zwischen hohen steilen Wänden einerseits und reißenden Flüssen und Wasserfällen andererseits platziert ist. Es beherbergt ein imposantes Wasserkraftwerk, dass sich die hier zusammenfließenden Wassermassen zunutze macht. Das Örtchen selbst kann nicht mehr wachsen, schlicht, weil kein Platz mehr zum Wachsen vorhanden ist – es sei denn in die Höhe.

 

A pro po Höhe: Der Weg nach Huallanca ist spektakulär und dramatisch: Hier treffen die zwei Cordilleras (Blanca und Negra) in imposanten Steilwänden unmittelbar aufeinander, an manchen Stellen küssen sie sich fast, wenn sie durch gerademal noch 15 m Abstand voneinander getrennt sind. Dazwischen fließt – meist sieht man davon nicht viel – ein Fluss. Er ist zunächst noch im Cañon sichtbar, später verschwindet er in Tiefen, die so schwindelerregend sind, dass der Fluss zu einem schlangenartigen Schemen verkümmert. Wo bleibt da für uns und das Colectivo noch Platz?

 

An der Wand der Cordillera Negra windet sich eine dem Fels abgerungene abenteuerliche Straße (einspurig mit gelegentlichen Haltebuchten direkt am Abgrund), die an den höchsten Punkten bis zu 1.000 m oberhalb des Flusses verläuft. Die Trasse ist im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Fels gehauen worden, sie führt durch 54 Tunnel und ist an manchen Stellen extrem schmal – zumal einige Straßenabschnitte weggebrochen sind - hier ist dann auch in Peru mal langsames Fahren ganz am linken Rand der Wand angezeigt… Rechts aus dem Fenster hat man jetzt den besten Blick: Tunnel und extreme Tiefen wechseln sich ab, Höhenangst ist kein guter Ratgeber… Atemberaubend, was sich uns beim Blick aus dem Fenster des Fahrzeugs bietet…

 

Am Canon del Pato, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Am Canon del Pato, bei Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
48 Tunnel entlang des Canon...
48 Tunnel entlang des Canon...
... Tiefen und Steilwände die das Fürchten lehren ...
... Tiefen und Steilwände die das Fürchten lehren ...
... und ein freundliches Städtchen, Huayllanca, Peru (Fotos Jörg Schwarz)
... und ein freundliches Städtchen, Huayllanca, Peru (Fotos Jörg Schwarz)

 

Von oben nähern wir uns nun Huallanca und seinem Wasserkraftwerk, die steilen Wasserfurchen überall im Berg lassen ahnen, warum das große Kraftwerk gerade hier steht. Das Städtchen selbst wirkt idyllisch in die Landschaft integriert, es ist bildschön und seine Menschen sind so freundlich, dass wir und ihnen nicht entziehen können. Ein Wachmann des hiesigen Schwimmbades führt uns aus purer Gastfreundschaft zunächst an den Fluss und erklärt uns, dass das andere Ufer hier nur über die Seilwinde zu erreichen ist – wir schauen auf das gespannte Drahtseil, das den Fluss etwa 300 m überquert, schauen in den ebenso tief liegenden Fluss hinab und wieder ihn an: „Si“ nickt er ernsthaft und lächelt. Wir sprechen über – klar: trabajo (Arbeit) – Deutschland und Peru, sein Dorf und das Schwimmbad, das zu bewachen hier sein Job ist. Unsere Verabschiedung ist herzlich – kann man in 20 Minuten Freundschaft schließen…?

 

Der Berg ruft! Spuren | WECHSLER tun es wieder…

Wenn wir hier viel in Fahrzeugen unterwegs sind, dann heißt das nicht, dass wir nicht Laufen… Wir sind stundenlang die Lagunen in den Bergen und die Straßen der Stadt jeden Tag abgelaufen, jetzt wollen wir es einmal mehr in die Höhe versuchen: Wir nehmen uns den Hausberg von Caraz vor, den Cerro San Juan, der uns geschätzte 400 Höhenmeter abverlangt und ein lockerer Morgenspaziergang mit gelegentlichen Steilstücken darstellt. Der Sendero (der Weg) erregt dennoch zweifach unsere Furcht, wer hätte das gedacht…

 

Zunächst laufen wir an den Schulen der Stadt vorbei – die Schüler hier tragen einheitliche Uniformen, was uns schon in vielen Ländern richtig gut gefiel und soziale Unterschiede nivelliert – und aus dem eher flachen Dorf in die nun steiler werdende Randbebauung. Hier wohnen nun offenbar die etwas ärmeren Menschen der Stadt, man sieht viel Wellblech und Flickwerk und wir werden eher distanziert betrachtet. Schreck Nr. 1: Hunde! Die ansonsten total friedlichen Hunde der Stadt wandeln sich hier in aggressive, Haus und Weg verteidigende Bestien. Wir werden besorgniserregend angeknurrt, teils attackiert, mehrmals sogar von mehreren Tieren gleichzeitig. Es gelingt uns die wütend bellenden Hunde auf Distanz zu halten. Angreifen tun sie uns zuletzt Gott sei Dank nicht. Wir sind dennoch erstmal verschwitzt…

 

Auf geht's, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Auf geht's, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ausblicke vom Cerro San Juan, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ausblicke vom Cerro San Juan, Caraz, Peru (Foto Jörg Schwarz)

  

Zumindest kommen wir so schneller voran, versuchen zeitnah Land bzw. Berg zu gewinnen und steigen – nun in völliger Einsamkeit und zunehmender Stille den Berg hinauf. Wahrlich nicht unser höchster Coup und ganz sicher nicht der anstrengendste, dennoch holt mich auch hier ganz oben die Angst ein: Zum ersten Mal in der Cordillera spüre ich im Berg meine Knie zittern, drohe ich leicht die Kontrolle zu verlieren. Höhenangst! Ich halte mich nah am Berg, schaue nur vor mich auf den Weg, zwinge mich zu kontrollierten Schritten und merke nach ein paar weiteren Metern, dass der Abhang rechts von mir nun weniger steil ist. Baff: Weg ist die Höhenangst und kommt erst auf dem Rückweg an derselben Stelle wieder…

 

Der Weg wird begleitet von kleinen Grotten, in denen auf 12 Stationen (es fehlen allerdings einige) der Leidensweg Christi nachempfunden und mit Bibelstellen belegt wird. Der Ausblick auf die Stadt – deren Ausmaße uns erst jetzt deutlich werden – sowie auf die umliegenden Berge ist – wie immer – auch hier atemberaubend.

 

Der Ananas-Baum-Wald – Punta Winchus

Wir treten eine weitere Halbtages-Tour an, diesmal in die Höhen der Cordillera Negra. Man verspricht uns ein einsames und abgelegenes, dafür umso bemerkenswerteres Bergareal sowie einen Wald von Ananas-Bäumen. „Nein, nicht irgendwelche Ananaspflanzen, sondern die größten Ananas-Pflanzen der Welt“! Es wachsen dort auf dem Paso Punta Winchus (ein Andenpass auf 4.157 m) um die 5.000 Exemplare der Puya raimondii, einer bis zu 10 Meter hohen Ananasart, die erst nach 100 Jahren ausgereift ist. Wenn sie blüht – was, um es vorwegzunehmen, gerade nicht der Fall ist – trägt jede einzelne Pflanze bis zu 20.000 Blüten…  Wohl nirgendwo sonst wachsen an einer Stelle derart viele dieser seltenen Pflanzenart. „Ein ganzer Wald also und die Aussicht ist in beide Richtungen bombastisch!“

 

Ausblicke aus der Pampa bei Punta Winchus, vorn eineausgewachsene Puya raimondii, Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ausblicke aus der Pampa bei Punta Winchus, vorn eineausgewachsene Puya raimondii, Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Junge Ananasbäume, Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Junge Ananasbäume, Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Huascarán im Hintergrund, Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Huascarán im Hintergrund, Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Gesagt getan, wir machen das und sind nicht enttäuscht. Zwar stellen wir uns unter einem Wald etwas anderes vor, die Ananaspflanzen sind weit verstreut und viele sind gerade noch gar nicht ausgereift, ist der gesamte Weg und vor allem der Ort an dem wir uns nun befinden – mir gehen die Superlative aus – dennoch einfach kolossal. Wir laufen entlang der über 4.000 m hohen Berge und schauen auf ein fantastisches Bergpanorama, das sich wieder von den bisher gesehenen unterscheidet. Ein Schauspiel, ein Festakt von hier in die Weite zu blicken… Uns beeindruckt auf der gegenüberliegenden Seite vor allem eines: Auf was für steilem Terrain die Bauern dort drüben ihre Felder angelegt haben. Unfassbar, es geht da tausend und noch mehr Meter echt steil abwärts und die bauen da ihre Felder in den Hang rein. Kein Mensch kann da halbwegs aufrecht stehen, geschweige denn arbeiten… Wie machen die das?

 

Steil, steiler, am steilsten: Anbauflächen in der Vertikalen, gegenüber Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Steil, steiler, am steilsten: Anbauflächen in der Vertikalen, gegenüber Punta Winchus, Peru (Foto Jörg Schwarz)

  

Fazit Cordillera Blanca

Ihr seht uns vollends begeistert von der Cordiellera Blanca und Peru. So richtig können wir uns gar nicht vorstellen, dass es landschaftlich noch viel schöner werden kann, aber man hört anderes... Unser erster Griff war also goldrichtig. Würden wir nicht gerade erst in unseren Anfangstagen während dieser Reise stecken, wir hätten uns in Caraz sicher etwas niedergelassen. Andererseits sind wir überzeugt: Da wird schon noch was kommen...

 

Voller Lust auf mehr grüßen wir die Welt! Verfolgt unseren nächsten Blog und bleibt uns treu!

 

Eure Spuren | WECHSLER

 


Empfehlungen

Ausblick


 

Neben den Lagunen Llanganuco und Parón, dem Cañon del Pato und der Punta Winchus - allesamt ein Muss vor Ort - überzeugt Caraz als freundlicher, ruhiger und schöner Standort vollends. Nimmt man zudem die unmittelbare landschaftliche Umgebung hinzu und die relativ gute Anbindung an Huaraz und Lima, ist Caraz für uns der ideale Aufenthaltsort in der Cordillera Blanca.

 

Absolut empfehlenswert ist für uns hier das relativ neue Hostal Santa Rosa. In Laufdistanz zum Zentrum, in einer angenehmen und praktischen Straße etwas außerhalb der Plaza und damit ruhig gelegen, überzeugt es mit guter und sauberer Ausstattung (heiße Dusche mit Wasserdruck inkl.), freundlichem, dezentem Service, Küchennutzung (auf Nachfrage) und Dachterrasse (auch wenn die noch Potentiale hätte, die derzeit nicht genutzt sind...). Wir haben uns hier eine Woche super wohl gefühlt. Danke!

 

Wir haben in Caraz solide gegessen. Überzeugt sind wir vom Restaurant Kique (in der 'Ugarte' zwischen 'San Martin' und 'José Sucre', das angenehm großzügige Räumlichkeiten, unschlagbare Preise und einen freundlichen Service bietet. In diesem hauptsächlich von Einheimischen genutzten Lokal kann man die obligatorischen Menu's jederzeit wählen, vor allem weil die Suppen in der Regel richtig gut sind und man immer ein Getränk inklusive hat. Die 'ganz große' Küche darf man aber nicht erwarten...

 

Darüberhinaus drei weitere Empfehlungen:

  1. Am Mercado, dem Markt (Kreuzung 'La Mar'/'Grau'), steht (leider nicht jeden Tag) von 12:00 - 14:00 Uhr ein richtig guter mobiler Cevice-Verkäufer, der seine überraschend leckere Cevice frisch und schnell zubereitet, ein echter Profi! Hier könnt ihr mit gutem Gewissen zuschlagen, denn bessere Ceviche werdet ihr hier oben kaum finden! Spottpreise, klasse Niveau!
  2. An derselben Kreuzung, zwischen den beiden Mercado-Gebäuden an der rechten Ecke, findet ihr eine sehr gute und freundliche Jugeria/Fruteria, die hervorragende Fruchtsäfte frisch zubereitet... Für die tägliche Vitaminportion! Wir waren da jeden Tag!
  3. Für Süßes aller Art - Torten, Kuchen, Rumkugeln, Gebäck, Pudding etc. - ist die Caraz Dulcera an der Plaza de Armas ('Jose Sucre') die erste Wahl. Auch hier hat uns unser Weg immer wieder hingeführt, schon um die jeden Tag die neuen Kreationen zu bewundern (na, auch um zu probieren...) Das Konditorei-Café hat auch herzhafte Kleinigkeiten für Touren, Reisen und für Zwischendurch (gute Empanadas etc.). Eine gute Adresse.

 

Spuren | WECHSLER verlassen schweren Herzens die Cordillera Blanca und reisen über Lima in das Zentrale Hochland. Abseits der großen Touristenströme tauchen wir weiter in das peruanische Hochlandleben ein...

 

Neben der Großstadt Hunacayo, von wo aus es uns in das traumhaft schöne Yauyos Cochas-Tal bis ins schwer erreichbare Huancaya zieht, besuchen wir in den kommenden Wochen die für Reisende jahrelang unzugänglichen Hochland-Kolonialstädte Huancavelica und Ayacucho. Die Region war viele Jahre in der Gewalt  der maoistischen Terrororganisation Sendero Luminoso, musste viele Opfer beklagen und war praktisch von der Außenwelt abgekoppelt. Nach der Auflösung der Gruppe soll die Region - eine der Ärmsten in Peru - geradezu erblühen... Die landschaftliche Umgebung dieser Städte, aber auch das koloniale Gepräge der Städte selbst sollen zu schön sein, um wirklich wahr zu sein...

 

Und:

  • Nach einem Monat und mehr: Wie kommt der Spuren | WECHSLER eigentlich mit der peruanischen Mentalität zurecht?
  • Werden die Spuren | WECHSLER das Zentrale Hochland noch attraktiv genug finden, nachdem die Cordillera Blanca schon alle Wünsche erfüllt hat? Was soll da noch kommen?
  • Werden die Spuren | WECHSLER sich in dieser weitgehend touristenfreien Zone quasi 'allein unter Peruanern' wohl fühlen?
  • Wie erleben die Spuren | WECHSLER den zweitägigen Ausnahmezustand: Nationalfeiertag in Peru?
  • Und: Kann die Reise wirklich weiter so reibungslos verlaufen, wie bisher?

Folgt uns in die weiteren SPUREN...

 


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Kommentare: 2
  • #1

    Micha (Montag, 31 Juli 2017 23:31)

    Toller Bericht und großartige Bilder! Da will ich auch mal hin ...auch wenn die Einheimischen offensichtlich von Fußball keine Ahnung haben.

  • #2

    Spuren | WECHSLER (Mittwoch, 02 August 2017 00:54)

    Lieber Micha,
    danke für deine Rückmeldung! Sollte es im Winter nicht mit Kolumbien klappen, sind wir vielleicht noch hier...?! Dann eben Peru! Schön wenn wir uns unterwegs überhaupt irgendwo sehen. Und in Bezug auf futból: Ich habe nach nem Club-Trickot gesucht, Fehlanzeige...
    Liebe Grüße Jörg

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