Spuren | WECHSLER im Reich der Kartoffel - Huancavelica und das Zentrale Hochland

Blog-Beitrag Nr. 5

 

Moin Moin!

Ich sitze am frühen Morgen auf der sonnendurchleuchteten Terrasse unseres Hotels in Ayacucho, einer in kolonialer Pracht erstrahlenden 180.000-Einwohner-Stadt in der Region Apurímac. Wir befinden uns auf nurmehr 2.750 m Höhe, was uns mittlerweile fast flach vorkommt…

 

Von unten herauf – wir wohnen in der zweiten Etage unseres Hotels und schauen in den blauen Himmel – schallt dezent Musik herauf. Ein Vogel trällert in der bereits warmen Luft. Die Atmosphäre ist wunderbar verträumt, unsere Stimmung befindet sich im Chill-Modus. Kann es einen besseren Ort, einen besseren Zeitpunkt für einen Blogbeitrag geben?

 

Von Ayacucho berichten wir allerdings ein anderes Mal, jetzt steht das wundervolle Huancavelica im Zentrum, von wo aus wir zuletzt schweren Herzens hierher aufgebrochen sind...

 

Kommt ‚IN die SPUR‘, Leute!

 

Gegenstand unseres nächsten Blogs: Die Kolonialperle Ayacucho, Ayacucho, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Gegenstand unseres nächsten Blogs: Die Kolonialperle Ayacucho, Ayacucho, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Das fantastische Huancavelica

Wir hatten schon so eine Vorahnung, als wir uns entschlossen, in das gerade mal 40.000 Einwohner-Städtchen abseits der touristischen Routen auf 3.700 m Höhe zu fahren… Diese Ahnung hat sich voll bestätigt. Wir befinden uns an einem traumhaften Ort, der uns aufgrund seiner Schönheit, aber auch aufgrund seiner Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit in den Bann zieht. Gut eine Woche sind wir bereits hier und wir erleben eine Kleinstadt, die einerseits verträumt und verschlafen und andererseits doch irgendwie voller Erwartungen und Aufbruchstimmung ist. Man wird das Gefühl nicht los, als warte sie darauf endlich wachgeküsst zu werden.

 

Für uns ist sie bereits jetzt perfekt. Eingerahmt von steilen Bergen – wir haben bisher keine Stadt erlebt, die so eng in die umliegende Landschaft eingekeilt ist – liegt eine ruhige und gleichfalls geschäftige Kolonialstadt, deren Stadtkern voller wunderbarer alter Kirchen ist. Noch aus der Zeit der Spanier stammen ihre Altäre, ganz aus Holz geschnitzt, kunstvoll verziert und über und über vergoldet. Im kolonialen Stadtbild wechseln sich moderne Smartphone-Shops mit bunten Straßenständen voller Obst der traditionell gekleideten Indios ab. Als offenbar deutlich identifizierbare Fremde – außer uns gibt es hier kaum weitere Touristen – werden wir neugierig aber freundlich beschaut, viele Menschen grüßen uns, mal freudig, mal schüchtern verschämt.

 

Vor allem die Menschen in Huancavelica und der Region haben es uns angetan. Wir haben wundervolle und berührende Begegnungen und fühlen uns in der Stadt sehr willkommen. Es ist für uns nicht nachvollziehbar, warum die Stadt, die zudem über gute Hotels/Hostels verfügt und ein interessantes Umland bietet, von der Vielzahl der Peru-Besucher ausgelassen wird.

 

Andererseits: Fast wünschen wir der Stadt, dass sie ihr Dornröschendasein noch ein wenig behalten kann…

 

Die Kathedrale von Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Die Kathedrale von Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Blick direkt aus unserem Hotel: Koloniales Flair wohin man schaut, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Blick direkt aus unserem Hotel: Koloniales Flair wohin man schaut, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Die Minas de Santa Barbara – Wie aus 1,5 fast 5 Stunden werden können…

Eine der Hauptattraktionen der Stadt befindet sich weit oben in den über Huancaveliva gelegenen Bergen auf über 4.200 m Höhe: Die Minas de Santa Barbara. Einst eine der profitabelsten Minenanlagen Amerikas ist sie heute – nach ihrem dramatischen Einsturz vor vielen Jahren – eine etwas schaurige und unheimliche Erscheinung, die verlassen und marode in der Abgeschiedenheit der Pampa ihr Dasein fristet. In die Mine selbst wird kein Einlass gewährt, allein die alte Kirche und einige Behausungen sowie die aus Holz gefertigte Verladeplattform, auf welcher die vollen Loren in die Bahn verladen wurden, sind noch recht gut erhalten. Ohnehin ist die Mine nur Anlass zum Zweck für eine wundervolle Trekkingtour in die Berge Huancavelicas, eigentlicher Höhepunkt dieser Tour.

 

Wir entnehmen unserem Reiseführer den Hinweis auf eine schöne aber anstrengende Wanderung von 1,5 Stunden Dauer. Eine vage Wegbeschreibung ist beigefügt, wie für uns gemacht - was soll da schiefgehen… Wir marschieren also los, durchqueren zunächst ein Waldgebiet, das steil am Hang über der Stadt steht. Am Ende einer Treppe und der Baumgrenze sollen wir uns nach rechts und an den Sendemasten orientieren, die wir jedoch gar nicht sehen... Alles was hier sichtbar ist, sind die Strommasten, die auf völlig unzugänglichem Terrain stehen. Hier geht es in alle Richtungen, aber gerade nicht nach rechts!

 

Ohne Worte: Der Blick zurück auf die unten liegende Stadt, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ohne Worte: Der Blick zurück auf die unten liegende Stadt, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Steiler Aufstieg! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Steiler Aufstieg! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Also erstmal weiter geradeaus, es geht auf sichtbar eingetretenen Pfaden immer steil den Berg hinauf, nun quer über Wiesen und durch Pampasgras – um uns herum strahlt alles goldgelb. Der Weg ist anstrengend und steil, wir benötigen erneut viele Pausen und haben so Gelegenheit immer wieder auf die nun tief unter uns liegende Stadt zurück zu blicken – was für ein Ausblick… Vorbei an Schafherden tasten wir uns immer weiter vor, nach dem Weg suchend. Immer wieder sind wir unsicher, es gibt an vielen Stellen mehrere Möglichkeiten zu laufen und wir haben nicht mal eine vage Vorstellung davon, wo die Mine da oben liegen könnte, nachdem der Reiseführer uns so schmählich im Stich gelassen hat. Gott sei Dank treffen wir einen Schäfer, der uns grob die Richtung weist: „Derecha!“ Rechts also, sollen wir uns halten, sehen aber immer noch mehrere Wege nach Rom… Wir sind jetzt bereits 1,5 Stunden unterwegs und von der Mine keine Spur… Immerhin scheinen wir nach nunmehr mehreren Trekkingversuchen mittlerweile gerüstet, um eine Tour in dieser Höhe angemessen durchzustehen.

 

Wir treffen auf andere Wanderer mit demselben Ziel: Vier Holländer – europäische Nachbarn also – sind mit derselben Beschreibung unterwegs und wie wir etwas ratlos und überrascht, dass das Ziel nach 1,5 Stunden noch so weit entfernt sein soll… Auch Sie schimpfen über die Beschreibung. Über den Weg werden wir uns anschließend allerdings nicht einig, wir trennen uns: Die Holländer links entlang, wir rechts, wie uns empfohlen wurde… Wir passieren eine schwarze, weil frisch gerodete Zone auf dem Berg und folgen einem gut ausgetretenen Pfad. Entlang eines engen und derzeit fast trockenen Flussbettes steigen wir nun steil auf, riesige Felsen passierend und fast kletternd, nun immer häufiger von Lama- und Alpakaherden flankiert. Die Tiere staunen offenbar nicht schlecht, dass sie hier – uns – sehen! Und tatsächlich: Wir verlieren irgendwann unseren Pfad (bzw. der Pfad verliert sich im Niemandsland) und sind jetzt sicher: Dieser Weg – rechts entlang! – war wohl der falsche…

 

Der Weg zurück nach Huancavelica, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Weg zurück nach Huancavelica, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
"Was wollen die denn hier?", Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
"Was wollen die denn hier?", Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Wie sehr wir das Pampasgras lieben...! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Wie sehr wir das Pampasgras lieben...! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Erneut rettet uns ein winkender Arm einer Bäuerin auf einem Felsen oberhalb von uns. ‚Hier entlang‘ deutet sie an und wir klettern ihr nach, obwohl ihr Hund uns nicht gerade wohlgesonnen scheint. Oben angekommen – es dauert einen Moment – sind beide nicht mehr zu sehen… Wo sind die hin? Während wir uns noch wundern, sehen wir aber nun den richtigen Weg und folgen ihm immer weiter bergan. Inzwischen haben auch die Holländer zu uns aufgeschlossen, die zwar offenbar den richtigen Weg gegangen sind, aber dafür auch deutlich länger gebraucht haben, als wir… Selbstverständlich fühlen wir uns als heimliche Sieger, können den Triumph aber gar nicht auskosten: ‚Mein Gott ist das anstrengend in der dünnen Luft hier oben‘, wir quälen uns nun gemeinsam und angeregt unterhaltend über den Berg. Die Landschaft wird immer fantastischer, die Blicke hinab und hinauf sind atem(be)raubend, nach gut 3, 5 Stunden erreichen wir gemeinsam das Ziel: Da liegt sie die Mine, eingerahmt von Pampasgras und unzähligen Anden-Tieren…

 

Zurück geht’s deutlich schneller, aber auch bergab strengt es wahnsinnig an. Nach fast 5 Stunden sind wir zurück im Ort – Danke Lonely Planet für diese fantastische Trekking-Tour… Keine Ahnung, ob wir sie gelaufen wären, wenn wir von vornherein gewusst hätten, wie hart das werden wird… Eure schlechte und schlicht falsche Beschreibung hat uns zur schönsten unserer bisherigen Wanderungen verführt… Leute, macht sie, aber wisst: Niemals in 1,5 Stunden!

 

Der alte Verladebahnhof an der Mina de Santa Barbara, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der alte Verladebahnhof an der Mina de Santa Barbara, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Peru – ein Land im Streik

Seit wir in Huancavelica angekommen sind, wird gestreikt und demonstriert. Die Maestros – die Lehrer – sind im Streik für höhere Löhne, ebenso die Ärzte. Die Studenten protestieren gegen eine Hochschulreform. Was uns in Huancaveliva begegnet, ist ein landesweites Phänomen… Hier jedoch ist es eine ziemlich heiße Angelegenheit – und auch wieder nicht…

 

Erstmals richtig involviert werden wir während unseres zweiten Aufenthaltstages. Wir sehen – gegen Mittag – zahlreiche Menschen auf der Plaza zusammenströmen, hören immer wieder Protest- und Demorufe. Klar – es wird gestreikt! Das haben wir gewusst, beunruhigen tut uns das erstmal nicht. Wir gehen unserer Wege und bemerken erst auf der Rückkehr zur Plaza in den angrenzenden Straßen Gruppen von Menschen, die offenbar abwarten und beunruhigt sind. Noch während wir uns völlig selbstverständlich an ihnen vorbei in Richtung Plaza bewegen – dort haben die Protestgesänge weiter zu- und einen aggressiven Ton angenommen – wird die Luft von mehreren Explosionen erschüttert… Es geht auch uns jetzt in Mark und Bein… Auf der Plaza geht es ab!

 

Nun laufen uns – von dort kommend – die Menschen panikartig entgegen, sie rufen irgendwas… Wir machen uns – schockiert aber noch in aller Ruhe – auf den Rückweg und spüren es jetzt am eigenen Leib: Tränengas. Die Luft ist auch in den Parallelstraßen der Plaza nebelschwanger und ätzt in Augen, Nase, Rachen… Wir versuchen uns etwas vor den Mund zu halten und Land zu gewinnen, als auf der nächsten Kreuzung in Sekundenschnelle eine Straßenblockade entzündet wird. Meterhohe Flammen, rennende Menschen – jetzt aber weg hier. Es ist Aufruhr und Unruhe in den Straßen, die Menschen sind total aufgeregt… Wir hätten nie gedacht, dass das in diesem kleinen und gemütlichen Örtchen je passieren könnte…

 

Die Spuren der brennenden Reifen werden beseitigt... Alles wieder ruhig! Huancavelica, Peru (Foto: Magdalena Bosak)
Die Spuren der brennenden Reifen werden beseitigt... Alles wieder ruhig! Huancavelica, Peru (Foto: Magdalena Bosak)

 

Wir laufen die Stufen zu den Thermalbädern hinauf und warten erstmal ab. Hier oben hört und sieht man nichts, sieht man mal von den gelegentlichen Rufen und Böllern ab, die von unten heraufschallen. Eine schüchterne, aber gebannt an uns interessierte Schülerin, erklärt uns den Konflikt und dass wir nicht beunruhigt sein müssen. Die Lehrer verdienen hier offenbar dreimal weniger als die Polizisten und das sorge eben für Unmut… Als wir nach gut einer Stunde wieder hinabsteigen, wird unten bereits aufgeräumt. Demonstranten und Polizisten stehen – als sei nichts gewesen – nebeneinander und beenden quasi gemeinsam den Arbeitstag. Inzwischen wird aufgeräumt... Man ist zur Tagesordnung übergegangen… Und das ist das eigentlich Interessante daran: Es wirkt jetzt im Nachhinein alles fast ein wenig inszeniert und unecht. Ist es aber nicht, wie wir in den weiteren Tagen noch erkennen.

 

Von jetzt an erleben wir jeden Tag zur Mittagszeit Demos! Immer wieder ballen sich Gruppen zusammen, ziehen sie aggressiv singend und rufend durch die Straßen. Wir sehen Polizisten in Alarmbereitschaft und ordentlich bewehrt. Richtig heiß wird es nicht mehr, aber man weiß ja nie… Wir richten uns darauf ein, dass das mittags hier passiert, gehen dem ohne Probleme aus dem Weg und erkennen: Nachmittags kehrt der Ort zu einem friedlichen Kolonialstädtchen zurück!

 

Schlicht Kartoffeln! Diese hier haben bereits Frostnächte und tagelange Wasserbäder hinter sich..., bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Schlicht Kartoffeln! Diese hier haben bereits Frostnächte und tagelange Wasserbäder hinter sich..., bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Von Campesinos und Kartoffeln

So wunderbar die Stadt, so sehr zieht es uns auch in die landschaftlich reizvolle Umgebung von Huancavelica. Mit einem Einheimischen machen wir uns in die seicht und sacht geschwungene gelb-grün-leuchtende Pampa auf, die hier etwas flacher und weniger dramatisch gefaltet ist, die aber mit bedeutenden Inkaruinen und interessanten vulkanischen Gesteinsformationen gesegnet ist. Für uns am interessantesten jedoch sind die Begegnungen mit den Campesinos in den Dörfern. Die Region ist eine der Ärmsten in Peru. Dem Land hier etwas abzugewinnen ist angesichts der Trockenheit und Kargheit schwierig. Wir sind also neugierig, was uns erwartet…

 

Zunächst fahren wir – leider ist ausgerechnet heute die Region erstmals von dichten Wolken bedeckt – zu den Ruinen der Inkastadt Uchkus Incañan. Zwar ist von den Gebäuden der ummauerten Anlage kaum noch etwas zu sehen, weil Campesinos über die Jahrhunderte viele Steine für den eigenen Hausbau verwendet haben, in dem Gebiet sind allerdings immer wieder interessante archäologische Details, wie Grundmauern, Tore und ähnliches zu erkennen. Vor allem oberhalb der Anlage – wir laufen zwischen Bauernhäusern mit allerlei Getier umher -, sind auf einem steinernen Hügel deutliche Zeichen der astronomischen Expertise der Inka zu erkennen: Einkerbungen und Gravuren im Stein zeigen eindrucksvoll astronomisch-kosmologisches Wissen, das den Inka erlaubte, Landwirtschaft und Religion nach astronomischen Erkenntnissen auszuführen.

 

"Er wird doch nicht...!?" oder "Kreidefelsen bei Uchkus...", Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
"Er wird doch nicht...!?" oder "Kreidefelsen bei Uchkus...", Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ein Inka-Kalender zur Berechnung der 12 Monate/Sternzeichen, Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Ein Inka-Kalender zur Berechnung der 12 Monate/Sternzeichen, Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)

Letzte Reste eines Tempels der Inka, Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Letzte Reste eines Tempels der Inka, Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Wir laufen durch landwirtschaftliches Gebiet und vorbei an Bauernhäusern. Wir erfahren, das die Region weitgehend nur Kartoffeln anbaut. Das „nur“ relativiert sich jedoch schnell, wenn man erfährt, dass es hier an die 300 unterschiedliche Sorten sind und die Bauern der Region als DIE Kartoffel-Experten schlechthin gelten.

 

Eine in bunter Tracht geschmückte ältere Bäuerin treibt ihre Schafe an uns vorbei. Sie lächelt uns – fast ohne Zähne – herzergreifend an und beklagt sich über die „Pequenoes“, die kleinen süßen Lämmer, die ihr immer wieder entwischen… Noch einmal dreht sie sich um, sie zuckt schelmisch mit den Schultern, als wäre ihr das peinlich… Andere Campesinos arbeiten an einer Wasserleitung und halten kurz inne, als wir auftauchen. Woher wir kommen und was wir hier suchen… Ein wenig amüsiert sie unsere Auskunft, dass wir wissen wollen, wie es sich auf dem Dorf so lebt… Ein Campesino-Pärchen treibt in unserem Rücken derweil an den Hörnern bunt geschmückte Kühe an uns vorüber...

 

Doch jetzt halten wir spontan bei einem Kartoffelbauern. Er und seine vielleicht 12-jährige herzzerreißend hübsche und scheue Tochter/Enkelin (?) machen sich an einem Haufen bunter Kartoffeln zu schaffen. Schon vorab haben wir auf einer Wiese am Fluss Kartoffeln zum Trocknen ausgelegt gesehen. Er heißt uns erfreut willkommen, wir begrüßen uns – Wesen aus unterschiedlichen Welten wie es scheint – gegenseitig erfreut und schnell verbunden. Was er da macht, fragt unser Guide und ob er uns erklären kann, wie die Bauern hier die Kartoffeln zubereiten… Natürlich kann er: Neben einer gewissen Befangenheit und Schüchternheit, die fast alle Menschen auf dem Dorf hier auszeichnet, erklärt er uns stolz, wie das geht mit den Kartoffeln.

 

Eine Bäuerin führt ihre Schafe durch das Dorf, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Eine Bäuerin führt ihre Schafe durch das Dorf, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
... und eine andere führt ihre Rinder, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
... und eine andere führt ihre Rinder, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Auch Kinder arbeiten in den armen Dörfern dieser Region häufig, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Auch Kinder arbeiten in den armen Dörfern dieser Region häufig, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Er zeigt uns seine Felder, indem er mit dem Arm herumfährt. Einmal im Jahr ernte er hier Kartoffeln ganz unterschiedlicher Art. Vor uns liegen besonders bunte und kleine Exemplare, die aber – speziell zubereitet – besonders bekömmlich seien und antibiotische Wirkungen entfalten. Die Kartoffeln werden zunächst auf der Wiese getrocknet und sollen über mehrere Nächte Frost ziehen. Anschließend werden sie im kleinen Bach gewaschen und mehrere Tage in Strohnestern im Bach liegen gelassen, damit sie weich werden und fermentieren können. Er zeigt uns die Strohnester im kleinen Bach hinter uns und führt uns zum Kartoffelhaufen zurück. Die Haut ließe sich so leicht abziehen, wie er uns an dem kleinen Haufen leicht matschig wirkender Kartoffeln demonstriert. So werden die Kartoffeln anschließend noch 10 Minuten gekocht und mit dem Hochlandkäse der Region gegessen. So macht man das.

 

Während er leise und ruhig spricht – es ist ganz klar, dass er hier das Normalste der Welt erklärt – steht seine Enkelin fast vor Ehrfurcht erstarrt an seiner Seite und wirft verstohlene und neugierige, dabei verlegene Blicke in unsere Richtung. Sie lächelt zaghaft. Nun kommen weitere Mitglieder der Familie mit einer kleinen Herde von Eseln vom Feld herab: ein Pärchen mit Baby, zwei Jungs. Kurz wird unser Besuch erklärt, dann führt man uns zusammen. Die Menschen freuen sich sichtbar herzlich uns zu begrüßen, wollen unsere Hand schütteln und bestenfalls gar nicht mehr loslassen. Und wir wollen es genauso machen! Diesen Menschen will man einfach nahe sein…

 

Selten zuvor haben wir in Haltung und Gestus bescheidenere, demütigere und dabei doch zugleich so einnehmende und bezaubernde Personen getroffen. Die Menschen, die vor uns stehen, haben in ihrer Einfachheit und Schlichtheit die Kraft uns mit genau diesen Mitteln zu bezaubern. Wir sind von ihnen in Minuten angetan, eine spontane Sympathie flankt uns weg. Wir sind hingerissen.

 

Irgendwer – unser Guide? – regt Fotos an. Unsere wirklich besondere Begegnung wird festgehalten. Als wir uns warmen Herzens verabschieden, haben wir das Gefühl spontane Freunde verlassen zu müssen. Winken bis das Auto verschwunden ist. Wow – das war groß!

 

Der Kartoffelexperte, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der Kartoffelexperte, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Das Stroh-Wasserbett, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Das Stroh-Wasserbett, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Selbst die Esel sind sympathisch! Bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Selbst die Esel sind sympathisch! Bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Kurze Pause mit Kind, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Kurze Pause mit Kind, bei Uchkus Incañan, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Huancavelica und seine Fiestas

Noch während wir vom Berg herabsteigen und bei Huancavelicas  ersten Häusern ankommen, grüße ich – wie ich es gern mit jeder und jedem mache, die/der nur halbwegs freundlich zu mir rüber schaut – drei ältere Herrschaften im Hauseingang: „Buenos tardes!“ Ohne zu zögern wird der Gruß erwidert und uns der Weg verstellt – man scheint nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben… Woher wir gerade kommen, ob wir tatsächlich bis zur Mina gewandert sind und aus welchem Land wir stammen… Herzliche Menschen, die sich freuen, Fremde zu sehen und ein wenig plaudern zu können. Ob wir schon wüssten, dass da heute eine Fiesta stattfinde… Um 19:00 Uhr! Wir sollten unbedingt kommen und den „Mani“ probieren. Ohne zu wissen, was der „Mani“ ist, sagen wir zu, denn den Fiestas Huancavelicas eilt ein herausragender Ruf voraus… „Danke für die Einladung, wir kommen gern!“ Zum Abschied noch ein Gruppenbild, das geht nicht ohne…

 

Abends, es ist gerade dunkel geworden, machen wir uns auf den Weg. Das angekündigte Feuerwerk ist schon intervallartig zu vernehmen, auch Musik spielt bereits. Gleich bei unserem Hotel um die Ecke steht die wunderschöne Iglesia de Santo Domingo, auf ihrem Vorhof ist es bereits voll. Das Orchester (naja, vielleicht nicht ganz) spielt gerade neu auf, als wir von unseren Bekannten angesprochen werden. Amigos! Kurze Umarmung. Wir sollen zuerst in die Kirche gehen und anschließend den „Mani“ probieren, den unser Freund höchst selbst mit einer Suppenkelle aus einem großen Topf fischt – für jeden Gast der ankommt… In der Kirche staunen wir zunächst über derart historische Pracht – uralte, goldverzierte Holzaltäre in Nischen und der Apsis – und nun erkennen wir auch den Anlass der Fiesta: Sie ist dem Hl. Dominikus geweiht. Wir sehen hell erleuchtete Statuen des Heiligen und der Virgen del Rosario.

 

Der barocke Altar und der Heilige der Iglesia de Santo Domingo, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Der barocke Altar und der Heilige der Iglesia de Santo Domingo, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Keine Fiesta ohne Live-Band mit viel Blas- und Blechinstrumenten, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Keine Fiesta ohne Live-Band mit viel Blas- und Blechinstrumenten, Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Alle 10 Minuten eine Staffel von Raketen am Himmel... Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Alle 10 Minuten eine Staffel von Raketen am Himmel... Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Natürlich wird getanzt! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Natürlich wird getanzt! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Als wir die Kirche verlassen steigt unsere Neugierde auf den „Mani“. Ein wenig haben wir Angst, vermuten wir doch ein furchtbares alkoholisches Gebräu, das bald allen hier den Kopf verdreht – uns eingeschossen… Sobald man uns erspäht, fährt die Kelle in den Topf – der Druide schöpft den Zaubertrank, denke ich. Doch wir sind überrascht: Der „Mani“ ist weder ein drogenhaltiges Elexir noch ein Zaubertrank, schon gar nicht alkoholisiert… Es ist ein extrem wohlschmeckender, süßer und warmer Saft, der aus Erdnüssen hergestellt wird und offenbar aus der Region stammt. Die Fiesta hier steigt ohne Prozente… Fast sind wir ein wenig enttäuscht!

 

Die Luzie geht trotzdem ab: Die ganze Nacht und den gesamten Vormittag des nächsten Tages spielt die Band, die Menschen – offenbar eine Kirchengemeinde aus Jung und Alt – tanzt in Gruppen zu den Klängen und regelmäßig werden Raketen vom Vorplatz in den Himmel geschossen. Feuerwerk die ganze Nacht. Wir verabschieden uns irgendwann, sind froh ob der Erfahrung des „Mani“ und überlassen den Platzhirschen die Nacht…

 

Huancavelica und seine Menschen: Großartig! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)
Huancavelica und seine Menschen: Großartig! Huancavelica, Peru (Foto Jörg Schwarz)

 

Fazit dieser Woche

Huancavelica ist eine Wucht! Der Ort sollte auf der Route nach Cusco nicht länger Links liegen gelassen werden. Wer authentisches,  unverdorbenes und charmantes Peru-Feeling, koloniale Architektur und Kontakt zu den Menschen des Zentralen Hochlandes haben möchte, der wird Huancavelica sicher und für mehrere Tage einplanen. Für uns ein unvergessener Höhepunkt in Peru...

 

Eines ist noch offen: Die Auflösung in Sachen Bettwanzen... Es scheint, als hätten wir die Plage hinter uns gelassen bzw. sie gar nicht erst aus Huancayo mitgenommen... Wir sind optimistisch, denn wir haben die gesamte Woche hervorragend und gänzlich ohne neue Bisse geschlafen. Wir gehen jetzt mal davon aus: Das war's!

 

An dieser Stelle möchten wir uns für die vielen Rückmeldungen bedanken, die uns erreicht haben. Eure Fragen werden wir im kommenden Blog - dann aus dem schönen Ayacucho, gern aufgreifen...

 

Bis demnächst IN DER SPUR!

 

Hasta la proxima!

 


Empfehlungen

Ausblick


 

Wie gerade schon ausgeführt: Vor allem anderen kann man nur jedem gratulieren, der es nach Huancaveliva schafft! Lasst Euch in der Stadt vor allem die traumhaften Kirchen mit ihren fantastischen Altären aus der Zeit der Spanier nicht entgehen. Meistens sind die Kirchen abends zwischen 17:00 und 19:00 Uhr geöffnet.

 

Wir empfehlen dringend eine geführte Tour in die Umgebung von Huancavelica (für uns war Uchkus Incañan ideal) und die dortigen Dörfer der Campesinos. Die über das Illariy Hotel (s.u.) gebuchte Tour mit dem Guide José war für uns perfekt, weil er es immer wieder verstanden hat, uns mit den Dorfbewohnern in Kontakt zu bringen und er darüber hinaus extrem kundig zu Geschichte und Gegenwart war. Vorher die finanziellen Konditionen eindeutig klären!

Natürlich ist alternativ auch eine eigenständig organisierte Tour möglich, der Weg zu den Ruinas scheint uns aber schwer zu finden zu sein und setzt Ortskenntnis voraus.

 

Wer sich gern bewegt, sollte – nein muss – die Trekkingtour zur Mina de Santa Barbara einfach machen. Die Tour erfordert keine Top-Fitness ist aber anstrengend und wird etwa zwischen 3,5 und 5 Stunden (beide Richtungen) in herrlicher Natur in Anspruch nehmen – je nach persönlicher Form und Erfahrung. Der Einstieg ist von der Plaza de Armas nicht weit entfernt: Bei der Hospedaje San José, am Ende der Jr. Sebastian Barranca – man überquert die kleine Plaza Cabalgata de los Andes – führt eine Treppe im ständigen Zick-Zack nach oben, durch den über der Stadt thronenden Wald. Nach der Baumgrenze endet die Treppe und man steigt den Berg querfeldein immer weiter nach oben auf. Man kann sich dann an den sehr weit oben gelegenen Häusern orientieren, auf deren Höhe man dem Hauptweg steil nach oben, rechts über den Berg folgen sollte. Auf der anderen Seite folgt man diesem, bis man zu den Steinmauern einzelner Häuser kommt und der Weg sich teilt. Der Weg zur Mina verläuft nach rechts oben bis zur Straße. Dieser kann man nach oben (dann hat man später den Zugang zur Mina von oben) oder nach unten folgen (dann kommt man über Serpentinen und einige Umwege direkt zur Mina). Wir haben den oberen Weg genommen…

 

Unser Hotel war ein Volltreffer:

  • Wir haben gut eine Woche im Illariy Hotel verbracht, das praktisch und funktional eingerichtet, neuwertig, zentralst gelegen und super sauber war. Das Hotel ist ein eher typisches Businesshotel, aber schlicht professionell geführt. Nachts ist es auf 3.700 m sehr kalt – wir haben im Hotel ein Heizgerät erhalten, das uns gut über die kalten Zeiten (nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen) gebracht hat. Das Duschwasser war zu jeder Zeit heiß. Das Frühstücksbuffet (inklusive) war das Beste während unserer Zeit in Peru. Einziger Makel: Die Bettdecken waren zwar warm, aber derart schwer, dass wir uns darunter erdrückt gefühlt haben… Wir haben dann auf unsere Schlafsäcke zurückgegriffen…

  Adresse: Jr. Carabaya Nr. 344, Huancavelica, Telefon: +51 67    

  369028.

 

Huancavelica ist nicht der Ort mit der ganz feinen Küche… Aber man kann hier gleichwohl sehr gut speisen.

  • Empfehlenswert ist für uns das Chifa-Restaurant (steht für chinesisch-orientierte peruanische Küche) Chifa los Balcones in der Jr. Cellestino Manchego Munoz, zwischen der Jr. S. Barranca und der Jr. J. M. Chavez (gegenüber den Bankautomaten der Banco de la Nation). Die ‚Pollo Enrollado‘ und ‚Pollo con Verduras‘ waren herausragend lecker und stachen aus dem Üblichen hervor. Nicht vom Ambiente abschrecken lassen…
  • Für gute, solide sowie preislich unschlagbare Menüs (2,5 € für zwei Vorspeisen, ein Hauptgericht, Nachspeise und Getränk) empfehlen wir das Restaurante Perú Chef an der Ecke Jirón Augustin Gamarra/Jirón Arequipa).

 

Spuren | WECHSLER reisen - leider über Nacht - in das ausnehmend schöne Kolonialstädtchen Ayacucho weiter, noch so ein Geheimtipp im Zentralen Hochland.  Nach dem kleinen, überschaubaren Huancavelica folgt damit erneut eine Großstadt mit fast 200.000 Einwohnern.

 

Spuren | WECHSLER werden hier vor allem mal die Füße hochlegen und ein wenig die Tanks aufladen... Aber natürlich lassen wir die Stadt nicht Links liegen...

  • Welche Schätze entdecken die Spuren | WECHSLER diese Woche in Ayacucho?
  • Sind die Spuren | WECHSLER inzwischen mit den Gepflogenheiten der peruanischen Küche vertraut?
  • Welche Entwicklung nehmen die Streiks im Land und welche Folgen haben sie für die Spuren | WECHSLER?
  • Wie reagieren eigentlich die Peruaner aud die DEUTSCHEN und deutsche Spuren | WECHSLER?
  • Und was vermissen die Spuren | WECHSLER eigentlich an Deutschland?

Spuren | WECHSLER stellen sich ausserdem Euren Fragen... Noch besteht die Möglichkeit neue Fragen loszuwerden! Schreibt uns!


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