Argentinien


Nord-West-Argentinien II

 

Die bunten Berge der Quebrada de Humahuaca

 

Von Jörg Schwarz

 

Dieser Text ist in leicht abweichender Form auf der Reiseseite www.raushier-reisemagazin.de unter der Rubrik 'Fernreisen' veröffentlicht worden.

 

Nördlich von Salta und San Salvador de Jujuy, eingebettet in die Quebrada de Humahuaca, findet der Reisende eine faszinierende und vielfarbige Bergwelt, in welcher indigene Bräuche mehr als anderswo in Argentinien noch erlebt und erfahren werden können: Indigenes Kunsthandwerk, die Küche der Anden und eine Kultur, in der sich prä-kolumbische und christliche Einflüsse in einer spannenden Mixtur verbinden. Dazu diese unbeschreiblichen Farben in der Natur – phantastisch!

 

Foto: Jörg Schwarz
Die Serranías del Hornocal (Foto Jörg Schwarz)

 

Wir fahren von Salta aus nach Norden, passieren San Salvador de Jujuy ungesehen und bestaunen das in den Anden selten so üppige, feuchte Grün der umliegenden Hügel. Vorbei an den Orten Volcán und Tumbaya geht es, die Serpentinen hinauf, nun schon auf über 2000 m hoch. Die Luft wird merklich dünner, es ist trotz der Höhe im Sommer angenehm warm. Unser Ziel ist Humahuaca, das Indianer-Städtchen im hohen Norden. Doch das hat noch ein wenig Zeit, wir verweilen zunächst in Purmamarca (2.200 m), dem ersten sehenswerten Ort der Region.

 

Das von phantastischer Bergkulisse umgebene Dorf empfängt uns mit Staub- und Sandwolken, die uns der Wind am Eingang des Ortes entgegenbläst. Hier sieht man Kioske, Restaurants und die ersten Läden mit textilem Kunsthandwerk. Rucksacktouristen warten auf ihre Busse. Uns zieht es zur Plaza Principal, die großzügig von kompakten Lehmziegelhäusern und der Iglesia Santa Rosa de Lima umgeben ist. Zur Mittagszeit wirkt alles wunderbar verschlafen hier, noch hat kaum ein Stand geöffnet. Erst am späten Nachmittag regt sich der Markt, verkaufen in traditionelle Trachten gekleidete Indiofrauen die für die Region so typischen Ponchos, Schals oder Kopfbedeckungen. Wollstoffe aus Lama-, Alpaka- und Vicuñafell sind hier die regionalen Stars.

 

Die zentrale Plaza in Purmamarca (Foto Jörg Schwarz)
Die zentrale Plaza in Purmamarca (Foto Jörg Schwarz)

 

Uns zieht es noch etwas weiter an den Rand des Dorfes. Und schon während wir noch den kleinen Anstieg hinauf gehen, vorbei an erdfarbenen Adobehäusern, sehen wir ihn: den Cerro de los Siete Colores, den Hügel der sieben Farben, der sich hinter den Lehmziegelhäusern der Stadt erhebt und ihre (Postkarten-) Kulisse bildet. Ein wunderbarer Anblick, der morgens oder abends am eindrücklichsten ist. Wir klettern auf den Hügel El Porito, von welchem aus man einen guten Blick auf das Dorf und seine phantastische Lage hat. Unser Herz lacht, ob der farblichen Intensität des Gesteins. Wir sitzen eine Weile hier und genießen den Ausblick, bevor wir den siebenfarbigen Hügel auf dem etwa 3 km langen Los Colorados Walk umrunden und dabei weitere unvergessliche Eindrücke von der Landschaft sammeln.

 


Der Cerro de los Siete Colores, Purmamarca (Foto Jörg Schwarz)
Der Cerro de los Siete Colores, Purmamarca (Foto Jörg Schwarz)

 

Auch wenn Purmamarca, wegen der Nähe zu den großen Städten der Region, das touristisch erschlossenste der Indio-Dörfer sein mag, seine prächtige Kulisse, die guten Restaurants  sowie seine zugänglichen Menschen machen das Städtchen ausgesprochen attraktiv. Es gibt darüber hinaus überdurchschnittlich gute Unterkünfte und weitere attraktive Sehenswürdigkeiten in der Nähe der Stadt: Insbesondere die zum Paso de Jama (4.230 m) an der Grenze zu Chile führende Ruta 52 sei empfohlen: Hier passiert man u.a. die Cuesta de Lipán und die Salinas Grandes - zwei hot spots der Region. Während sich die Salinas Grandes – eine gewaltige, flache und schnee-weiße Salzebene – über etwa 500 km² in der Puna (3.350 m) erstreckt – besticht die Cuesta de Lipán gerade durch ihre tiefen Einschnitte in den Berg: Eine atemberaubende Schluchtenlandschaft, die während der serpentinreichen Abfahrt vom El Quemado (4.170m) schier unfassbare Fernblicke ermöglicht.

 

Die Cuesta de Lipán (Foto Jörg Schwarz)
Die Cuesta de Lipán (Foto Jörg Schwarz)

 

Für uns geht es nach ein paar geruhsamen Tagen weiter Richtung Norden: Entlang der Ruta 9 passieren wir eine farbenreiche Bergwelt, zahlreiche alte Kirchen und Dörfer. Wir besuchen die Dörfer Maimara und Tilcara. Beide Orte sind malerisch von steilem Gebirge eingerahmt. Während Maimara ein noch unscheinbares Örtchen mit wenig touristischer Infrastruktur darstellt, ist Tilcara schon das Gegenteil und wird gern als Ausgangspunkt für die Quebrada de Humahuaca genutzt: Hier finden wir Unterkünfte aller Güteklassen und ein reiches touristisches Angebot.

 

Wir besuchen zunächst das sehr beschauliche Maimara und bestaunen den weitflächig am Eingang des Ortes sich ausdehnenden – für unsere Augen – exotischen Friedhof. Wir genehmigen uns in einem Restaurant einen tiefen Einblick in die indigene Küche der Region,  die eng mit bolivianisch-peruanischen und prä-kolumbischen Traditionen verwandt ist. Nach einem hervorragenden lama-carpaccio verzehren wir einen für die comida títpica so berühmten locro, einen auf Maisgetreide basierenden, herzhaften Eintopf. Einfach Lecker! Später halten wir an einem Straßenstand und nehmen noch eine humitas als Nachtisch an Bord – ihr können wir einfach nicht wiederstehen: Die süße, in Maisblätter eingewickelte Tamale, die aus gedämpftem oder gekochtem Maisteig besteht, geht immer…

 

Der Friedhof von Maimara (Foto Jörg Schwarz)
Der Friedhof von Maimara (Foto Jörg Schwarz)

 

Wir fahren weiter nach Tilcara und schlendern ausgiebig auf dem belebten Kunsthandwerksmarkt an der Plaza: Decken, Hüte und Pullover aller Arten und Farben, bunte indianische Muster, wollene Stoffe, Schmuck und Holzschnitzereien. Immer freundlich und zurückhaltend versuchen uns Koka kauende Händler von ihren Produkten zu überzeugen, beim Lächeln rot-braune Zähne feilbietend. In einem der umliegenden Cafés erholen wir uns einen Moment und dann geht es auch schon weiter. Es wartet die pucará, eine rekonstruierte prä-kolumbische Festung, die zwar nur bedingt authentisch ist, uns aber zumindest phantastische Ausblicke in die umgebende Bergwelt ermöglicht.

 

Das Zentrum von Tilcara (Foto Jörg Schwarz)
Das Zentrum von Tilcara (Foto Jörg Schwarz)

 

Uns zieht es weiter nach Humahuaca: Für uns, rückblickend, die schönste und authentischste Ortschaft dieser Gegend. Sie beherbergt etwa 15.000 Menschen auf fast 3000 m Höhe. Die Luft hier ist im wahrsten Sinne dünn aber wunderbar klar. Wir sehen ein gemütliches Lehmziegelstädtchen, das noch weitgehend von engen Pflasterstraßen durchzogen ist, stimmungsvolle Plätze und preiswerte, familiengeführte Unterkünfte hat. Die Quechua-sprechenden Einwohner bilden eine stolze Gemeinde, der sie in der Stadt mit dem Monumento a los Héroes de la Independencia einen sichtbaren Ausdruck verleiht. Das über der Stadt thronende Monument zur Unabhängigkeit symbolisiert den indianischen Wiederstand gegen die Spanier, drückt aber auch die hart erkämpfte Freiheit und den Wunsch nach Eigenständigkeit der indigenen Kulturen in der Gegenwart aus. Die Menschen hier pflegen heute eine Mischung aus früheren indianischen und christlichen Traditionen – eine spannende Mixtur, die auf uns eine einzigartige Anziehung hat.

 

Wir stehen vor der Plaza Gómez, sehen zur Linken die weiß-getünchte Iglesia de la Candelaria und zur Rechten den Cabildo, das Rathaus, mit dem berühmten Uhrenturm, aus welchem stets zu Mittag die lebensgroße Figur des San Francisco Solano heraustritt. Wir durchstreifen die Stadt, bewundern die gut erhaltenen Adobehäuser und sehen hier und da  Straßenstände, an denen Töpfer- oder Textilwaren verkauft werden. Alles hier wirkt ursprünglich und echt, bescheiden und wohl platziert. Die wenigen Restaurants und Cafés sind rustikal und stilecht mit indianischen Traumfängern oder Korbgeflecht geschmückt, das Speisenangebot umfasst die lokalen Spezialitäten. Die Menschen lieben ihre Stadt und die umliegende Natur und sind offen und hilfsbereit zu Fremden, die ihre Kultur respektieren und neugierig darauf sind.

 

Einheimische verkaufen indigene Produkte, Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)
Einheimische verkaufen indigene Produkte, Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)

 

Am nächsten Tag ist es deutlich quirliger: Vor uns tanzen und springen in vielen Teilen der Stadt Teufelsgestalten. Wir sollen uns nicht zurückhalten, werden wir aus dem Hintergrund angesprochen, „das ist unser Carneval los Picaflores“. Vor uns steht eine stolz lächelnde, ältere Frau indigener Herkunft und schwingt im Takt die Hüften. Auf dem Kopf trägt sie einen flachen Hut mit herunterhängenden bunten Bändern. Sie fordert uns freundlich auf, lädt uns geradezu ein, uns mit ihr in das Getümmel zu stürzen. Dabei stellt sie sich vor, als die Frau, die den Touristen „unseren Karneval“ erklärt: Von den Spaniern habe man ihn übernommen, aber die eigenen Bräuche nicht verraten. Traditionelle Fastnachtsbräuche seien mit dem indianischen Kult der Pachamama – einer in den Anden seit jeher verehrten Muttergottheit – verschmolzen. Jeder könne mitmachen, sagt sie, wenn er denn wolle: „Mein Mann mag den Karneval ja nicht – aber das ist heute auch egal, denn es ist ja der Tag der Frauen“! Als Zeichen dafür, „dass wir heute alle gleich sind“, werden wir noch mit weißem Puder (Mehl?) an beiden Wangen eingeschmiert. Dann zieht sie von dannen: Weiberfastnacht auf indianisch! Eine Woche lang tanzen und singen sie verkleidet durch die Stadt, ziehen leidenschaftliche Musiker von mitreißenden Rhythmen und taktgebenden Trommelklängen getragen durch die Straßen. Die Stadt ist beschwingt in diesen Tagen…

 

Der Carneval de los Picaflores, Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)
Der Carneval de los Picaflores, Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)
Der Carneval de los Picaflores, Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)
Der Carneval de los Picaflores, Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)

 

Uns interessiert gleichwohl das Umland, das es wirklich in sich hat! Ob nun das noch weiter nördlich gelegene Bergdorf Iruya, die Espinazo del Diablo bei Tres Cruces oder das Valle Colorado bei Santa Ana – allesamt spannende Ziele. Aber nichts im Vergleich mit diesem Ort: Die Serranías del Hornocal. Wir werden durch die Bilder auf einigen Plakaten aufmerksam - unser Reiseführer erwähnt den Ort nicht. Ereignisreich und anstrengend ist schon die Fahrt dorthin: Zunächst geht es etwa 3 Stunden über Rippenpiste und steile Serpentinen, vorbei an riesigen Kakteen, bis hinauf auf 4.340 m, der Blick zurück lohnt einfach immer wieder.

 

Der Blick zurück von 4500m Höhe auf Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)
Der Blick zurück von 4500m Höhe auf Humahuaca (Foto Jörg Schwarz)
Ein prächtiges Tier: Ein verwundertes Vicunia (Foto Jörg Schwarz)
Ein prächtiges Tier: Ein verwundertes Vicunia (Foto Jörg Schwarz)

 

Am ersten Aussichtspunkt angekommen, verschlägt es uns fast die Sprache. Wir sind augenblicklich ergriffen, denn vor uns erstreckt sich ein zick-zack-förmig gestalteter Gebirgszug von einer vielfarbigen Schönheit und Größe, wie wir ihn noch nicht gesehen haben. Abgehoben von den leicht geschwungenen grünen Wiesen des Bergrückens, auf dem wir selber stehen, eingerahmt von einem klaren blauen Himmel, bleibt uns nichts als Staunen. Fast ein Wunder, dass wir bei diesem Anblick die Riesenspinne zu unseren Füßen bemerken… Und jetzt – da wir uns kurz dem Bann entziehen können – sehen wir auch die  Vicuña-Herde in unserem Rücken. Ein zweiter Aussichtspunkt bringt uns noch dichter an den bunten Berg heran, verändert die Perspektive, macht uns aber auch Schwierigkeiten bei der Rückfahrt: Fast wären wir mit unserem Wagen den steilen Berg nicht wieder heraufgekommen… Vorsicht sei also geboten mit Zweiradantrieb, denn hier herauf verirren sich – wir können es nicht glauben – nur ganz wenige Menschen! Die Bunten Berge von Humahuaca – hier sind sie in finaler Perfektion zu sehen! Ein magischer Ort!

 

 

Dieser Text ist in leicht abweichender Form auf der Reiseseite www.raushier-reisemagazin.de unter der Rubrik 'Fernreisen' veröffentlicht worden.

 

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Die zackigen Formationen der "Bunten Berge" (Foto Jörg Schwarz)
Die zackigen Formationen der "Bunten Berge" (Foto Jörg Schwarz)

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