Mexiko


Der Rülpser des Schamanen - Mexikos geheimnisvolle Traditionen

 

von Jörg Schwarz

 

Mexiko ist ein hinreißendes Land zwischen Tradition und Moderne. Ein zerrissenes Land und doch so schön und faszinierend. Es ist ein Land das arm und reich zugleich ist, in dem unvereinbare Gegensätze irgendwie doch zu verschmelzen scheinen. Mexiko leidet: Unter der Macht der Mafia und einer korrupten wie zwiespältigen Staatsgewalt. Mexiko strahlt und leuchtet: Aufgrund einer großen Herzlichkeit und Gastfreundschaft, aufgrund seiner Lebensfreude und Leidenschaft. Mexiko ist eines der Länder der Erde, das gespickt mit einem reichen kulturellen Erbe, vielfältigen religiösen und mythischen Bräuchen sowie gelebten archaischen Traditionen seine Besucher immer aufs Neue fasziniert.

Mexiko überrascht uns immer wieder - das gilt besonders für San Juan Chamula in Chiapas!

 

Der Markt und die Kirche von San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
Der Markt und die Kirche von San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)

 

Wir stehen vor dem Tor der Kirche von San Juan Chamula und wiederholen es bestimmt zum vierten Mal: „Nein, wir werden keine Fotos machen, versprochen!“ Um unseren Worten Nachdruck zu verleihen, verstauen wir unsere Kamera noch tiefer im Innern unseres Rucksacks und schließen ihn mit einem festen Knoten zu. So auf dem Rücken verstaut, scheinen wir glaubwürdig: Wir werden herein gebeten…

 

Wir betreten die Kirche durch das ovale, mit floralen Motiven bunt bemalte Eingangsportal und nehmen zunächst den untypischen Harz-Geruch in dem dämmrigen Licht der Kirche von San Juan Chamula wahr, einem kleinen indigenen Dorf ein paar Kilometer außerhalb von San Christóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko. Das Kirchenschiff hat keine Bänke oder Stühle, es ist über seine gesamte Fläche mit Fichten- oder Piniennadeln übersät, die einen feinen Teppich auf dem Boden bilden. Sie sind es, die den ungewohnten Duft verströmen und das Erlebnis vom ersten Augenblick an anders machen, als in jeder anderen Kirche, die wir kennen. Die Johannes dem Täufer geweihte Kirche ist über und über mit Kerzen gefüllt, sie säumen Tische entlang des Mauerwerks und verteilen sich quer über den gesamten Boden. Wir müssen aufpassen, wohin wir mit unseren nackten Füßen treten – unsere Schuhe haben wir draußen gelassen.

 

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Und sie fahren immer noch... VW-Bullis für Touristen im Einsatz, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Blick über den Friedhof auf San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)

 

In typische regionale Trachten gehüllte Frauen und Männer verteilen sich in kleinen intimen Gruppen sitzend und hockend auf der Fläche. Wir sehen religiöse Rituale neben locker plaudernden und lachenden Indios, staunende Touristen und Guides, die sich sichtlich bemühen das Geschehen zu erklären. Das gedämpfte Stimmengewirr aus Tzotzil-Dialekten der heimischen Bevölkerung – betonte Nachfahren der Maya und Ureinwohner – sowie Sprachen aus aller Welt vermischen sich zu einem mystischen Summen. Es scheint keinen Altar zu geben und keine zentrale Zeremonie. Jede Gruppe verfolgt für sich ein eigenes Zeremoniell, die einzelnen Grüppchen sind ganz bei sich, oft innerlich eingekehrt. Vor uns kniet eine Frau mit ihrer Tochter, sie weint bitterlich und murmelt etwas. Ist es ein Gebet? Auf jeden Fall ist es herzzerreißend, man möchte Sie irgendwie trösten…

 

Wir laufen weiter in das Kirchenschiff hinein, sehen die typischen Cola- und Spriteflaschen aus der uns so bekannten Welt, selbstgebrauten Schnaps und gelegentlich Räucherstäbchen. Hier und da erblicken wir Hühner. Hühner? Tatsächlich! Während wir noch darüber staunen rülpst jemand inbrünstig neben uns. Ein wenig sind wir entsetzt, fast erbost – das macht man doch nicht! Wir drehen uns zum Geschehen um, das sich nun gleich zu unserer Rechten abspielt. Ein, zwei weitere laute Rülpser entfahren jetzt einer eng zusammengekauerten Gruppe, die ordentlich in Trance geraten zu sein scheint. Augen werden verdreht, der Körper zuckt abnorm und Schweiß fließt in Strömen. Es riecht jetzt intensiv nach Alkohol und Arbeit. Colaflaschen werden gereicht, ein Huhn am Hals gepackt. Es schreit und gackert entsetzt und wehrt sich heftig, noch nachdem der Schlag des Beils seinen Kopf abgetrennt hat. Blut spritzt und wird von einem Schamanen – wie wir später erfahren – auf der Stirn des Mannes vor ihm verschmiert. Der Schamane zeichnet offenbar irgendein Symbol. Der Mann verzerrt das Gesicht vor Schmerz, wie es scheint. Wir sind etwas verstört und ziehen uns ein paar Meter von der Gruppe zurück. Sicherheitsabstand.

 

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Der Templo San Juan Chamula - Fotografieren ist im Innern streng untersagt! Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Gürtelverkäuferinnen warten vor der Kirche auf Kundschaft, San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)

 

Unser Blick bleibt trotzdem gebannt auf der Szene, ich merke, dass ich Magda unbewusst am Arm halte… Nein, das haben wir so noch nicht erlebt, wir waren auch nicht darauf gefasst. Das gehört einfach nicht in meine bisherige Erfahrungswelt in einer Kirche! Auch Magda schaut irritiert… Und wieder rülpsen sie laut, es mutet an, als komme es aus der Tiefe der Schamanenseele … und … entspringt für den modernen Betrachter doch nur der profanen Tiefe des Magens, aus der die Kohlensäure allzu bekannter Brausegetränke gen Ausgang strebt… Gleichwohl ist gläubige Inbrunst spürbar, was hier geschieht ist keine Spielerei, es ist bitterer Ernst. Die Menschen hier sind innerlich erfasst und religiös ergriffen, für sie ist das hier die wirkliche Wirklichkeit. Ihnen geht es gerade um das Heilige!

 

Als wir die Kirche später verlassen, blendet uns zunächst die Sonne, die nun ziemlich hoch steht und extrem zu strahlen scheint. Als wir blinzelnd wieder sehen können, schauen wir uns zunächst ungläubig an. Wow! Was war das denn? Wir sind noch etwas benommen und zwiegespalten: Fasziniert ob der Faktizität dieses Rituals einerseits, ein wenig entsetzt angesichts eines für unzeitgemäß gehaltenen schamanischen Kultes...

 

„Das war ein traditionelles Heilungsritual der Tzotzil“, erklärt uns später auf Nachfrage Raúl, unser Guide. „Die Tzotzil glauben, dass das Rülpsen des Schamanen Krankheiten beseitigen und Dämonen beschwören hilft. Durch das Rülpsen entzieht der Schamane in Trance dem Körper des Befallenen böse Geister, die er auf diese Weise in ein Huhn oder ein anderes lebendes Wesen fahren lässt, um sie durch dessen Tötung anschließend zu besiegen.“ Wir sind nicht sicher, ob Raúl das selbst glaubt und uns zu überzeugen versucht oder ob er uns nur angeregt darüber berichtet. Raúl begleitet uns schon den gesamten Tag, hat uns früh morgens mit dem alten VW-Bulli in San Christóbal de las Casas abgeholt, die Geschichte des Dorfes San Juan erzählt und uns in zahlreiche Geheimnisse dieser für uns fremden und archaisch anmutenden Welt eingeweiht. Er fühlt sich den hiesigen Menschen nahe, hat Vorfahren, die aus dem Dorf stammen.

 

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Alles strömt in den Templo de San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)

 

Wir erfahren von ihm, dass die Tzotzil, die sich als Nachfahren der Maya begreifen, sich in Chamula heute autonom verwalten, seit sie sich "den Nachfahren der spanischen Invasoren", dem westlich geprägten mexikanischen Staat, in den sog. Zapatisten-Aufständen seit 1994 blutig widersetzt hätten. Die Tzotzil in San Juan pflegen synkretistische Traditionen, zu denen neben der Verehrung christlicher Heiliger eben auch indianisch-schamanische Rituale wie das gerade erlebte gehören. Chamula hat ein eigenes Rechts- und Verwaltungswesen. „Krankenhäuser und moderne Medizin lehnen die Menschen hier ab“, so Raúl, „sie haben mit dem modernen Staat in den zurückliegenden Jahren so viel schlechte Erfahrungen gesammelt – Invasoren, Missionare, das mexikanische Militär samt paramilitärischer Massaker an der indigenen Bevölkerung – , dass sie heute nahezu allem Modernen argwöhnisch und kritisch gegenüber stehen. Dazu gehört beispielsweise auch nahezu alles Technische, wie das Fotografieren.“ Eine respektvolle Zurückhaltung und die Einhaltung von Regeln gehören dazu, wenn man die indigene Bevölkerung und ihre Dörfer um San Christóbal de las Casas besuche. „Es hat in der Vergangenheit Touristen gegeben, die ihren Mangel an Respekt mit dem Leben bezahlt haben“.

 

Raúl möchte uns keine Furcht einjagen, meint es aber gleichwohl ernst - hier gelten eben andere Gesetze!

 

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Tzotzil-Familie aus der Region um San Christóbal de las Casas - Tradition und Moderne vereint! San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Die typischen weißen Ponchos aus Schaffell, San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Blick auf das Marktgeschehen von San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)

 

Respekt haben wir und staunen weiterhin nicht schlecht über diese fremde Welt, die uns so archaisch ist. Auf dem Markt erfahren wir von unserem Guide, dass die Menschen hier keine Schafe schlachten, weil ihr Schutzpatron, Johannes der Täufer, in der christlichen Liturgie stets von einem Schaf begleitet werde. Allein ihre Wolle werde verarbeitet und fließe in zahlreiche Produkte der traditionellen Handwerkskunst, die wir jetzt auf dem quirligen und bunten Markt erkunden: Trachten, Decken, Stoffe, Ponchos. Das Angebot ist reich an indigenen Artefakten. Aber man muss auch hier vorsichtig sein, nicht alles stammt von den Tzotzil oder anderen regionalen Ethnien. Der Kapitalismus hat auch hier längst Einzug gehalten, eine Reihe der Produkte stammt aus Guatemala oder noch ferneren Ländern.

 

Wichtige Persönlichkeiten der Stadt tragen den weißen Schafponcho als Zeichen ihrer Ehre und hohen Würde. Eine besonders wichtige Person lernen wir jetzt kennen: Einen Mayordomo, ein Amtsträger der hiesigen Dorfgemeinschaft, der für den einjährigen Lebenszyklus eines Heiligen samt ritueller Handlungen und Feste befristet ausgewählt und verantwortlich gemacht worden ist...  Wir folgen ihm in seine bescheidene Hütte, die wie zuvor die Kirche, mit einem Teppich aus Piniennadeln ausgelegt ist. Seine Frauen seien gerade aus, sagt er und bietet uns einen Platz auf den kleinsten Stühlen an, die wir je gesehen haben. Was wir wissen wollen, fragt er und Raúl bittet ihn uns zu erklären, was hier vor sich geht. Der Mann erzählt: Seine Aufgabe in den vergangenen Monaten sei es gewesen, die hiesige Statue des Heiligen zu beherbergen und zu beschützen, immer dann, wenn sie in der Kirche nicht gebraucht wurde. Er sei quasi der Hüter des Heiligen. Er zeigt uns die einfache aber bedeutende Holzfigur und man merkt ihm den Stolz an, mit dem er diese Aufgabe bewältigt zu haben scheint. Seine Zeit sei nun fast zu Ende, eine große Verantwortung sei das gewesen und arm habe es ihn gemacht, fügt er noch hinzu...  Raúl übersetzt: „Diese Ehre kostet ihn zwar ein Vermögen, weil er für zahlreiche Feste oder Gelage zahlt, bringt ihm aber gleichzeitig hohes Ansehen in der Dorfgemeinschaft ein, das sich irgendwie auch wieder auszahlt." Wie ein Schützenkönig bei uns auf dem Dorf, flüstere ich Magda zu... Und Raúl ergänzt: "Vielleicht möchte jemand eine kleine Spende hinterlassen…?“

 

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Kinder aus San Juan Chamula, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Traditionelles Kunsthandwerk in Zinancantan, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Selten hatten wir bessere Tortillas, Zinancantan, Chiapas, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Unser Guide Raúl (Foto Jörg Schwarz)

 

Es geht für uns noch weiter nach Zinancantan, in ein weiteres Tzotzil-Dorf in der Nachbarschaft. Ein ähnliches Szenario auch hier: Wir erfahren wie man traditionell Stoffe webt und Tortillas zubereitet. Wir werden Zeugen eines rituellen Feuerwerks und erhalten weitere Einblicke in die indigenen Bräuche und Lebensweisen - manche gefallen uns, andere weniger: Uns fallen in beiden Orten stark alkoholisierte Erwachsene und mehrere  "Schnapsleichen" auf, wir sehen Kinder, die - statt in der Schule zu lernen - Touristen anbetteln oder Kunsthandwerk verkaufen. "Bitte kauft nicht von Kindern", sagt Raúl, "je mehr man ihnen abnimmt, desto häufiger werden sie die Schule schwänzen. Schulzwang gibt es in Chamula nicht." Natürlich halten wir uns daran. Trotz dieser wenig schönen Seiten fasziniert gerade die Andersartigkeit, der vermeintliche Anachronismus einer aus der Zeit gefallen Kultur, die der unseren so fremd ist. Hier in Chamula oder Zinancantan, anders als in manch anderem abgelegenen Dorf der Region, sind die anachronistischen Bräuche freilich schon mit der westlichen Kultur gekreuzt und verwoben, hier vermischen sich zwei oder noch mehr Welten...

 

Auch wenn wir in Chiapas zuvor schon auf den Spuren der historischen Maya die unbeschreiblich schönen Ruinen von Palenque besucht, die Wasserfälle Agua Azul und Misol-Ha genossen haben und vor uns noch weitere Höhepunkte in Chiapas wie Oaxaca warten: Die Erfahrung von San Juan Chamula war schon besonders und spannend! Als wir am Abend in unserem Hostel ankommen, wissen wir, dass dieser herausragende Tag uns immer in Erinnerung bleiben wird, schon weil er so außergewöhnlich war. Der Tag endet damit, dass wir beim Trinken eines kalten Bieres ständig  ordentliche Rülpser unterdrücken müssen. Na ja, so halb... Magda: "Du jedenfalls hättest das Potential zum Schamanen". Prost!

 



 

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