Reisebiographie der Spuren | WECHSLER


Das Interview (Teil 2)

 

"Mexikos bunter Kosmos hat uns das Tor nach Süd- und Mittelamerika geöffnet"

von Jörg Schwarz

 

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Und er rollt immer noch... Der Käfer wurde in Mexiko viele Jahre gebaut und ist noch heute vor historischen Kulissen unterwegs, San Miquel de Allende, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)

 

- Teil 1 des Interviews zuerst lesen - 

 

Fortsetzung:

 

Mit Thailand fing alles an - aber auch Mexiko hat Euch mehr bedeutet als andere Ziele!

 

Nach gut 15 Jahren in Asien - wir haben immerhin 7 Länder, einige mehrfach - besucht, wollten wir uns in der Welt neu orientieren. Das hat weniger damit zu tun gehabt, dass wir Asien nicht mehr spannend fanden. Es gibt noch viele interessante Flecken und spannende Kulturen, die wir noch nicht kennen... Aber wir haben viele Reisende getroffen, die uns von anderen Zielen vorgeschwärmt haben. Wir haben uns ein wenig eingelesen und Informationen besorgt und hatten in Deutschland vor allem mit der mexikanischen Küche Bekanntschaft gemacht. Über einem Bildband an  Weihnachten - ein Geschenk meiner Schwester - haben wir die Entscheidung gefasst: Mexiko wollen wir sehen!

 

Erzählt doch mal von Euren ersten Eindrücken in Amerika und was Euch nach Mexiko geführt hat - das Land ist ja selten positiv in den Schlagzeilen.

 

Nun ja, Mexiko hatte nicht den besten Ruf, als wir beschlossen, das wir dort für mehrere Wochen individuell reisen. Das Land war in Deutschland vor allem durch seine Korruption und Gewalt in den Schlagzeilen. Der Kampf der Regierung gegen die Drogenmafia wie auch ihre gegenseitigen Verstrickungen und Abhängigkeiten waren in unseren Medien präsenter als alles, was liebenswert an Mexiko ist und den Reiz des Landes ausmacht. Den "Charme" der mexikanischen Staatsgewalt haben wir dann auch gleich am Flughafen ein erstes mal erfahren dürfen, ehe wir für ein paar Tage in Mexico City Station gemacht und uns vor allem der Altstadt und seinen Sehenswürdigkeiten gewidmet haben. Auch sonst sind wir hier und da in Gepäckkontrollen gekommen, haben wir schwer bewaffnete Militärs und Stützpunkte gesehen. Das ist schon komisch, hat aber nie echte Unannehmlichkeiten für uns bedeutet. Auch von Polizisten haben wir uns nie bedroht gefühlt. Wir hatten zunächst also ein wenig Respekt, haben aber schnell gemerkt, dass beispielsweise Mexico City für uns keine sonderlich größere Gefahr darstellte, als andere Metropolen auch. Als Touristen waren wir im ganzen Land eher unbehelligt, den Menschen haben wir ihre schwere gesellschaftliche Krise aber selbstverständnlich anmerken können...

 

Wir haben uns gleichwohl reingestürzt und die Schätze zu heben versucht... Wir haben uns in all den Jahren in Mexiko sehr frei bewegt - das Reisen in Mexiko ist sehr einfach und günstig, man kommt sehr flexibel überall hin. Die touristische Infrastruktur ist fantastisch, Unterkünfte sind in allen erdenklichen Preisklassen zu finden. Wir haben vermutlich nirgendwo sonst in der Welt ästhetisch so schön gewohnt: Ob nun direkt am Strand in gut ausgebauten und genauso einfach wie schön eingerichteten Steinhütten oder in prächtigen Kolonialgebäuden mit Patio und kolonialem Flair. Mexiko ist eine ästhetische Augenweide.

 

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In schwindelnder Höhe präparieren sich die sog. Voladores zu einem mehr als 1400 Jahre alten Ritual der Totonaken (Foto Jörg Schwarz)
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Stickkunst und bunte Borten - Die Nachfahren der Maya pflegen die Tradition in Chiapas (Foto Jörg Schwarz)

 

Was ist an Mexiko so faszinierend, dass dieses Land mehrfach auf Eurer Agenda stand?

 

Wir haben das Land inzwischen mehrere Male besucht, Regionen wie Chiapas oder Oaxaca und die Halbinsel Yucatán kennengelernt und sind von Zacatecas über Guanajuato durch Hidalgo nach Michoacán und Guerrero gereist. Was uns am meisten fasziniert hat, das ist die kulturelle Vielfalt in den Regionen, ist der Abwechslungsreichtum und der ästhetische Reiz, den das unfassbar bunte Land bereit hält.

 

Während Chiapas und Oaxaca zum einen landschaftlich vielfältig, wild und traumhaft schön sind, macht insbesondere der starke indigene Einfluss diese Regionen besonders exotisch und reizvoll. Gespickt mit einem reichen Ensemble historischer Erbstücke - Palenque und andere archäologische Stätten - kann man in diesen Regionen das Leben indigener Kulturen noch live erleben, die selbstbewußt und politisch an das Erbe ihrer Vorfahren (Maya, Zapoteken, Mixteken etc.) anzuknüpfen versuchen. Das ist ausgesprochen spannend, auch wenn wir nicht alles widerspruchsfrei richtig und gut finden, denn manches erscheint uns doch arg archaisch und hinterfragbar. Nur weil es alt und historisch ist, ist es ja nicht gleich richtig und schützenswert. Dennoch kann man in Mexiko einen Schritt in eine fremde und völlig andere Ideenwelt machen und das nutzen, um die eigene Lebensweise zu hinterfragen...

 

Im nord-westlichen zentralen Hochland dagegen - von Zacatecas über Guanajuato bis Hidalgo - überwiegt trotz zahlreicher indigener Einflüsse das, was man vielleicht am ehesten mit dem nationalen Erbe der Unabhängigkeit Mexikos und dem nationalen Mythos in Verbindung bringen kann. Hier kann man dem mexikanische Selbstverständnis als freiem und unabhängigem Nationalstaat besonders nahe kommen, hier erlebt man die Symbole des modernen mexikanischen Staates. Und mir ist klar, dass das was ich hier sage, auf Kritik stoßen wird, denn - und das ist ja auch richtig: Was ist schon das moderne Mexiko? Gerade in dieser Frage ist das Land gespalten, gerade hierum wird gegenwärtig auf diversen Ebenen gerungen. Was ich damit sagen will: Hier spürt man den historischen nationalen Mythos des Aufbruchs nach der Befreiung von den Spaniern, hier ist der Nationalstolz über die Unabhängigkeit greifbar und überall sichtbar. Das ist ein extremer Kontrast zum indigenen Mexiko und gleichwohl auch sehr spannend...

 

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Der Stein der Sonne - Kalender der Azteken, Anthropologisches Museum, Mexico City (Foto Jörg Schwarz)
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Kolonialarchitektur vom Feinsten, Kathedrale von Zacatecas, Zacatecas (Foto Jörg Schwarz)
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Das Ehrenmal des Miguel Hidalgo in Dolores Hidalgo: Held der Nationalen Revolution Mexikos (Foto Jörg Schwarz)

 

Mexiko besticht durch unzählige gut erhaltene Kolonialstädtchen mit viel Flair und guter Küche...

 

Das stimmt, für Liebhaber kolonialer Architektur ist Mexiko ein Paradies. Gerade im Kontrast zu asiatischen Städten, die oft wirr, eng, laut und chaotisch anmuten, sind diese gemütlichen mexikanischen Kleinstädte und Dörfer ein Augenschmaus. Auf einer begrünten und verschatteten Plaza oder dem Zocalo zu sitzen, umringt von kolonialer Pracht, einfach mal den Anblick genießen! Das hat uns an diesem Land eben auch wahnsinnig gut gefallen. Dazu die Kreativität und Lebensfreude der Menschen, die sich vor allem auch in der Musik auf der Straße zeigt - die Mariachi-Kultur wäre eine eigene Geschichte wert - oder im vielfältigen und einfallsreichen Kunsthandwerk. Es gibt häufig lokale Kulte und Feste, aber auch Paraden und Prozessionen von Weltformat... Ja, und - du spricht es an: Die Küche hat uns einfach auch umgehauen... Auch hier bieten zahlreiche Straßenhändler immer wieder interessante Sachen an.

 

Obwohl die mexikanische Küche in Deutschland schon ziemlich bekannt ist, muss man sagen: Sie ist leider nur selten authentisch... Obwohl uns mexikanische Restaurants schon immer gut gefallen und wir das immer gern gegessen haben, erhielten wir bereits in unseren Duisburger Jahren eine Kostprobe "echter mexikanischer Kochkunst" und waren fortan wirklich begeistert. Mexikos wahre Küche ist derat vielfältig und exotisch, experimentierfreudig und erlebnisreich, das hatten wir uns zuvor nicht so vorgestellt. Jede Region hat ihre Spezialitäten, innerhalb der Region bekommt man unzählige Varianten, eine exotischer als die andere... Frische Tortillas und allerlei Maisgebäck, hervorragende Suppen, Salsa- und Schokoladensaucen in den pikantesten und schmackhaftesten Weisen, Chilies in ungeahnter Geschmacksvielfalt... Mexikos Küche ist ein einziges Abenteuer... Selbst der kleine Hunger kann mit einer ungeahnten Bandbreite einfachster Leckerbissen - zum Beispiel Tacos und Guacamole - überall gestillt werden. Dazu ein gutes Bier oder eben Mezcal bzw. Tequila! Ein Hoch auf die mexikanische Küche!

 

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Mais, Mais und nochmal Mais: Hier eine Tamales zum Frühstück, Mexiko City (Foto Jörg Schwarz)
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Und auf den Straßen immer wieder Abenteuer und Exotik - was es auch ist, es schmeckt köstlich! Patzcuaro, Michoacán (Foto Jörg Schwarz)

 

Ihr sprecht die kulturelle Vielfalt und die Festlichkeiten des Landes an...

 

Machen wir es an den Klassikern fest: Wir haben Osterfeierlichkeiten auf den Philippinen erlebt, in Rom oder anderen christlichen Ländern. Wir kennen den Karneval in unzähligen Varianten auf der Welt. Wir haben viele regionale Feste und Fiestas besucht und genossen. In Mexiko haben wir so mit das Beste erlebt, was man aus unserer Sicht in dieser Hinsicht erleben kann - und das im ganzen Land und immer wieder auch durch Zufall: Von Palmsonntag bis zu den eigentlichen Osterprozessionen finden in Mexiko im ganzen Land täglich Paraden und Strassenzüge leidenschaftlich gläubiger Menschen statt. Es werden in aufwändigen Aufzügen, je nach Anlass - mal am Tage, mal am Abend - kunstvoll verzierte Palmenwedel, blumen-geschmückte Kreuze und Christusstatuen, heilige Ikonen, Särge oder bedeutsame Reliquien durch die Straßen getragen. Es werden in aufwändigen Inszenierungen Römertruppen und Christi Leidensweg nachgestellt. Das ganze hat gleichzeitig Volksfestcharakter und wird fröhlich-leidenschaftlich begangen...

 

Noch exotischer und für unseren Kulturkreis befremdlicher sind die bekannten Feiern und Prozessionen zum Tag des Todes, dem Día de los Muertos. An diesen Tagen wird der auch ganzjährig in Mexiko - in unzahäligen Varianten der Kunsthandwerksszene - präsente Tod geehrt, kommt es zu fantastisch-farbenreichen und ritualisierten Feierlichkeiten, die den Tod als natürlichen Teil des Lebens würdigen und besänftigen suchen...

 

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Das Ende der Osterprozession von Tzintzuntzan: Jede Region stellt einen Jesus am Kreuze! Michoacán (Foto Jörg Schwarz)
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Die Nachtprozession von Patzcuaro, Michoacán (Foto Jörg Schwarz)
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Das Ritual der Aguadoras, ein traditionelles Ritual der Purhepecha-Volksgruppen bei Uruapán, Michoacán (Foto Jörg Schwarz)

 

Aber neben diesen bekannten Anlässen: Wir sind auch mehrfach zufällig in eine heidnische Prozession geraten, zum Beispiel mal in Uruapán,  Michoacán: Das war einer der schönsten und buntesten traditionellen Umzüge anläßlich einer Wasserheiligen, den wir je gesehen haben. Diese Prozession ist indianischen Ursprungs und lässt alle Dörfer und Dorfgemeinschaften der Region in ihren traditionellen Trachten durch die Stadt ziehen, es wird getanzt und musiziert - mal schräg, mal schön, auf jeden Fall dörflich-authentisch... So etwas folkloristisches, zugleich aber sehr lebendig-ernsthaftes hat uns an Mexiko immer fasziniert!

 

Steht Mexiko für Euch vor allem für Kulturreise? Oder könnt Ihr dem Land darüber hinaus auch landschaftlich etwas abgewinnen?

 

Ich würde schon sagen, dass Mexiko kulturell etwas ganz Besondes ist und das die Vielfältigkeit auf diesem Sektor seinen großen Reiz ausmacht.  Gleichwohl haben nur wenige Länder zugleich derart schöne Strände und so unterschiedliche und atemberaubende Landschaften. Auch hier hat uns Mexiko vollends überzeugt. Wenn auch die Halbinsel Yucatán schon ein wenig auf den Massentourismus gekommen ist, so hat sie eben doch fantastische Natur im Angebot: Von den schneeweißen und feinsandigen Beaches, über die vorgelagerten Korallenriffe, unterirdischen Unterwasserhöhlen oder Wal- wie Walhai-Hot spots, den Cenotes und üppigen Dschungelgebieten bis zu den Naturreservaten und Vogel-Kolonien im Westen - schon die Halbinsel hat viel zu bieten... 

 

Was soll man da noch zu Chiapas, dem üppig grünen und wilden Urwald, seinen Wasserfällen und Schluchten sagen? Oder über die gesamte Pazifikküste mit Ihren Stränden? Die wunderschönen Sierras oder Naturereignisse wie die Kupferschlucht? Mexiko ist auch hier ganz vorn!

 

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Die oben offene Cenote Ik'Kil auf Yucatán - heute Naturpool, Valladolid, Mexiko (Foto Jörg Schwarz)
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Ganz sicher einer der schönsten Beaches der Welt: Tulum Beach, Quintana Roo (Foto Jörg Schwarz)

 

Während Magda in Mexiko ihr Spanisch erprobt und verbessert hat und wir tiefer in die spanisch-kolonialisierte Welt und deren Geschichte eingedrungen sind, hat uns Mexiko ganz nebenbei das Interesse an anderen amerikanischen Regionen geweckt. Plötzlich hat uns Mittel- und Südamerika gereizt, wollten wir neben den früheren Kulturkreisen der Maya und Azteken gern auch die Regionen der Inka und anderer Völker erschließen. Vor allem haben uns Mexiko und seine großen Schluchten, seine kakteenbestandenen, teils halbwüstenartigen Regionen im Norden und die Weitblicke aus den Bergen Oaxacas heraus die Leidenschaft für das Karge und Spröde, das Weite und Einsame einer Landschaft geweckt. Nach Mexiko wollten wir mehr sehen, vor allem die Anden und Patagonien.

 

Das waren dann ja auch ausgeprägte Zielländer in den folgenden Jahren - war es das also mit Mexiko?

 

Natürlich nicht...! Natürlich zog es uns weiter, haben wir in Argentinien und Chile herausragende Erfahrungen gemacht und tolle Ziele gesehen. Wir werden die Anden hoch ziehen, Peru, Ecuador und Kolumbien sehen und über Mittelamerika zurück nach Mexiko kehren: Mexiko bleibt uns unvergessen und wir freuen uns auf eine Rückkkehr!

 

Danke für das Interview!

 

Gern geschehen!

 



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