Argentinien


Nord-West-Argentinien I

 

Das soll Argentinien sein? Die andinen Schluchten bei Cafayate 

 

Von Jörg Schwarz

 

Dieser Text ist in leicht abweichender Form auf der Reiseseite www.raushier-reisemagazin.de unter der Rubrik 'Fernreisen' veröffentlicht worden.

 

Jenseits bekannter touristischer Vorstellungen von Argentinien – seien es der Tango in Buenos Aires, die Gauchos der Pampa oder die Wasserfälle von Iguazú – können Reisende  zahlreiche weniger bekannte, aber ebenso herausragende Ziele entdecken. Zu den interessantesten Gegenden Argentiniens gehört der andine Nord-Westen, der sich so gar nicht in das gewöhnliche Argentinienbild fügt: Die einst von Inka und Spaniern beherrschte Region um Salta besticht heute durch eine erstklassige Mixtur aus kolonialem Erbe, Spuren indigener Kultur und Naturschauspielen von Weltformat inmitten der Andenriesen.

 

Die Quebrada de las Conchas, Cafayate (Foto Jörg Schwarz)
Die Quebrada de las Conchas, Cafayate (Foto Jörg Schwarz)

 

 „Mein Gott, wie sehen die denn aus? Die sind ja fast tot. Ganz ehrlich mein Freund – die müssen wir retten!“ Noch ehe wir verstehen, hat Lionel – der Schuhputzer – bereits seinen kleinen Holzschemel unter den Allerwertesten geschoben und deutet mit verzerrter Grimasse auf unsere – in der Tat – reise-geschundenen Wanderstiefel. Wir sitzen in einem der zahlreichen Cafés auf der Plaza 9 de Julio in Salta, vor uns die in kolonialer Schönheit erstrahlende Iglesia Catedral und zu unseren Füßen ein einnehmend lächelnder, braungebrannter Bursche um die 20 Jahre, dem man das Mitleid mit dem Leder unseres Schuhwerks ganz klar abnimmt. Ohne weiteres Gegenargument geben wir uns seinem Werben hin.

 

Wir sind in Salta, der vielleicht schönsten Kolonialstadt Argentiniens, hunderte Kilometer von Buenos Aires entfernt, im äußersten Nord-West-Zipfel Argentiniens: Hinter den Anden die Atacama-Wüste und das Hochland Boliviens. Auf etwa 1200 m Höhe gelegen, es ist heute schwül-warm und wolkig, präsentiert sich uns eine quirlige Stadt voll kolonialer Pracht, kultiviert und angenehm. Wir sind bereits durch die sehenswerte Altstadt geschlendert, haben prachtvolle Kolonialgebäude, Kirchen wie Plätze besichtigt und in der berühmten Calle Balcarce am Abend in einer peña ein perfektes Bife de Chorizo verspeist. Früher für ihre folklore im ganzen Land beliebt, bieten die zahlreichen peñas in der Nähe des Bahnhofs heute vor allem den Touristen eine lebendige Ausgehmeile mit viel Livemusik und argentinischem Speiseangebot. Salta hat viel zu bieten…

 

 

Die Kathedrale in Salta (Foto Jörg Schwarz)
Die Kathedrale in Salta (Foto Jörg Schwarz)
Koloniales Erbe in Salta (Foto Jörg Schwarz)
Koloniales Erbe in Salta (Foto Jörg Schwarz)

 

Unsere Stiefel sind mittlerweile fertig gepflegt. Wir sind Zeuge einer Metamorphose! Aus dem ausgedörrten und gräulich wirkenden Lederschuh ist ein satt-glänzender, dunkelbrauner und wieder lebendig wirkender Wanderstiefel geworden. Lionel - unser Schuhputzer – strahlt stolz über das ganze Gesicht. Das war nötig! Woher wir kommen, will er wissen? Aus Deutschland! „Ah, Alemania!“ Er zählt auf: „Schweinsteiger, Müller, Neuer…“. Er verehre den deutschen Fußball, verkündet er, der selbst im blau-weiß-gestreiften argentinischen Trikot mit der Aufschrift „Maradona“ vor uns sitzt. Wir fachsimpeln eine Weile über die WM, Messi und die Hand Gottes und trotten dann gemeinsam – auf perfekt gepflegten Stiefeln – aus dem Café. Unser vorerst letztes Ziel in Salta: Das herausragende Museo de Arqueologia de Alta Montana. Hier erleben wir – für uns eines der Reisehighlights – die beeindruckenden, weil besterhaltenen Mumien der Welt, die erst im Jahre 1999 auf dem Gipfel des 400 km entfernt liegenden Vulkans Llullaillaco (6.739 m) ausgegraben wurden und weltweit Aufmerksamkeit erregten.

 

Mumien – eine Attraktion? Wir waren auch erst skeptisch...: Wir betreten das kleine Museum direkt von der Plaza 9 de Julio aus und erhalten zunächst Informationen über die Inkakultur im Allgemeinen, der Region im Besonderen. Im Zentrum der Ausstellung steht ein Ritual der Inka, in welchem - von Zeit zu Zeit - Kinder von „hoher Geburt“ symbolisch mit den Göttern „verheiratet“ wurden. Ziel dieses Rituals – so erfährt man – war der Zusammenhalt des riesigen Inkareichs. Symbolische Heiraten von Kindern aus den Regionen des Herrschaftsgebiets sollten die Verbindung und die Gemeinschaft der verschiedenen Völker untereinander und mit ihren Göttern herstellen. Im Rahmen dieses Rituals wurden die Kinder geopfert. Die Ausstellung stellt das Ritual in einen verständlichen kulturhistorischen Kontext - ohne gleichwohl zu beschönigen.

 

Zu sehen sind perfekt erhaltene Grabbeigaben, Fotos und vieles mehr. Ihr Höhepunkt ist aber unzweifelhaft die Ausstellung je einer der drei gefundenen Kindermumien. Heute, so erfahren wir, ist es der Torso des etwa 5 bis 6 jährigen Jungen. Schon bevor man die Mumie tatsächlich sieht, verbreiten die Museumsräume eine eindrückliche Atmosphäre. Trotz Untermalung durch tief-tonige Instrumentenklänge herrscht andächtige Stille. Und dann sieht man das „Exponat“: Wir sehen einen kleinen zusammengekauerten Körper eines Jungen, eingehüllt in rote Stoffbahnen. Die sichtbare Haut der Arme, des Gesichts und der freiliegenden Hand sowie seine teils mit einer Kordel umwickelten Haare wirken absolut lebendig. Gewebe und Farben seiner Bekleidung sind vollständig erhalten. Es ist, als schliefe der Junge nur und würde gleich erwachen. Ein erstaunliches und zugleich ergreifendes Erlebnis, das wir so nicht erwartet hatten. Der Körper wirkt klein und zerbrechlich und man kann nicht glauben, dass dieses kleine Wesen schon vor 500 Jahren gestorben ist – auf über 6000 m Höhe, in eisiger Kälte eines Andenvulkans. Wir verlassen das Museum leicht aufgewühlt und nachdenklich und brauchen jetzt erstmal einen Mate-Tee…

 

Die Cuesta del Obispo (Foto Jörg Schwarz)
Die Cuesta del Obispo (Foto Jörg Schwarz)

 

Unsere Reise soll morgen erst so richtig beginnen: Es geht auf eine Rundreise in den Süden der Provinz Salta, über die berühmte Ruta 40 in die faszinierenden Valles Calchaquies sowie durch die atemberaubende Quebrada de las Conchas. Neben faszinierenden Naturlandschaften und geologischen Sehenswürdigkeiten freuen wir uns vor allem auch auf die kleinen Ortschaften und Menschen der Region.

 

Schon der erste Streckenabschnitt hat es in sich: Auf dem Weg zu dem kleinen Andenort Cachi (2300 m), hat der Reisende die spektakuläre, serpentinreiche und bis hinauf auf 3.500 m stets saftig grüne Cuesta del Obispo zu passieren. Auf Augenhöhe mit herannahenden  Wolken und am Himmel kreisenden Kondoren ist die Aussicht in die tiefen Abgründe der Cuesta einfach nur atemberaubend. Anschließend geht es auf trockenen Pisten über das Hochplateau, wir schauen in schier unfassbare Weiten, sehen Eselsherden kreuzen und sind meist in völliger Einsamkeit. Das ändert sich auch im Los Cardónes-Nationalpark kaum, durch den ein Teil der Strecke führt: Wir werden eines Meeres meterhoher Kandelaber-Kakteen (cardónes) ansichtig und fahren durch farbenreiche, bizarre aber auch unwirtliche Mondlandschaften.

 

Im Herzen von Cachi, Nevada de Cachi (Foto Jörg Schwarz)
Im Herzen von Cachi, Nevada de Cachi (Foto Jörg Schwarz)

 

Das kleine Städtchen Cachi, auf 2300 m Höhe, ist dagegen angenehm dörflich. Neben der herrlichen Lage am Rande der schneebedeckten Nevada de Cachi bezaubern die weiß getünchten Lehmziegelhäuser und ruhigen Plätze des Ortes und schaffen eine beschaulich-einladende Atmosphäre. Das stöbern in den kleinen Läden mit Kunsthandwerk der Calchaquí - Nachfahren der einst von den Spaniern massenhaft verschleppten Diaguita-Indianer - oder ein Besuch der kleinen Iglesia San José machen einfach Freude – auch, weil die Menschen hier gern ins Gespräch kommen und sich wunderbare Unterkünfte mit Verweilpotential finden lassen. So schnell möchte man hier nicht wieder aufbrechen…

 

Wir tun es gleichwohl schon nach wenigen Tagen, weil man uns weitere Höhepunkte angekündigt hat. Die Strecke entlang des Rio Calchaqui - stets auf der berühmten Ruta 40 vorbei an einsamen Adobehäusern und herrlichen Ausblicken auf das Flusstal - ist wunderschön. Herausragend wird es ab Angostaco, wo sich ein Zwischenstopp lohnt. Dieses kleine Andendörfchen liegt inmitten einer dramatisch gestalteten Felsenlandschaft, in der die Erdplatten infolge geologischer Verwerfungen teils steil in den Himmel ragen. So entstand vor abertausenden von Jahren die Quebrada de las Flechas, die sich von hier aus wandernd, per Fahrrad oder auf dem Rücken eines Pferdes gut erkunden lässt. Auf keinen Fall sollte man versäumen, sich das Spektakel aufragender Erdkrusten von oben anzusehen – es gibt zahlreiche gute Möglichkeiten in die Felsen zu klettern – mit oder ohne lokalen Führer. Ein kleiner Stopp lohnt sich auf dem Weg nach Cafayate auch in San Carlos.

 


Die Valles Chalchaqui (oben) und die Quebrade de las Flechas (Fotos Jörg Schwarz)
Die Valles Chalchaqui (oben) und die Quebrade de las Flechas (Fotos Jörg Schwarz)


Ein wenig mehr Zeit sollte man sich für Cafayate nehmen. Die einladende Stadt, die auf angenehmen 1700 m Höhe von Weinfeldern und mächtigen Bergen umgeben ist, verdankt ihren guten Ruf natürlich vor allem ihren Spitzenweinen – Spezialität der Region ist der Torrontés. Die Stadt ist gespickt mit Bodegas, guten Restaurants und Cafés sowie zahlreichen Läden mit indigener artesanía (Handwerkskunst). Rund um die Plaza San Martín spielt sich das Leben ab: Hier bekommt man beste argentinische Steaks, innovative Eiscreme mit Torrontés-Geschmack und kann Touren in die Umgebung buchen. Egal wohin sich der Besucher wendet, er wird in der Gegend Sehenswertes finden: Im Süden locken die Inka-Ruinen von Quilmes, im Nord-Westen die Quebrada de las Flechas und im Nord-Osten die Quebrada de las Conchas. Und wer sich eher zu Fuß oder per Rad bewegen möchte, der kehrt einfach in eines der zahlreichen Weingüter und Gasthäuser der unmittelbaren Umgebung ein und nimmt gelegentlich an einer Weinprobe teil. Das Leben könnte wahrlich schlechter sein…

 

Die Plaza San Martin, Cafayate (oben) und eine Wiese mit Wildblumen in der Umgebung von Cafayate (Fotos Jörg Schwarz)
Die Plaza San Martin, Cafayate (oben) und eine Wiese mit Wildblumen in der Umgebung von Cafayate (Fotos Jörg Schwarz)

 

Unsere letzte Etappe im Süden führt uns zurück nach Salta: Quer durch die Quebrada de las Conchas hindurch, schlängelt sich unser Weg vorbei an bizarren Sandsteingebilden, tiefen Schluchten und in allen Rot-und Brauntönen schillernden Felsformationen. Wir erleben eine Naturlandschaft von Weltformat! Buchstäblich im Minutentakt verschlägt es einem die Sprache. So passiert man das „Castillo“, das „Anfiteatro“ oder die „Garganta del Diabolo“, stoppt notgedrungen vor einer mitten auf der Straße aufgetauchten Ziegenherde oder beobachtet Schwärme von grünen Felsensittichen, die in den löchrigen Sandsteinwänden leben und brüten. Es empfiehlt sich, hier mehrmals und zu unterschiedlichen Tageszeiten aufzukreuzen, denn je nach Sonnenstand und Perspektive, kann ein Fels Antlitz und Farbe wie ein Chamäleon verändern. Die Quebrada de las Conchas wird unvergessen bleiben.


Das sog. Fenster
Das sog. Fenster
Das sog. Castillo
Das sog. Castillo

Atemberaubende Bergwelt in der Quebrada de las Conchas (oben und unten) (Fotos Jörg Schwarz)
Atemberaubende Bergwelt in der Quebrada de las Conchas (oben und unten) (Fotos Jörg Schwarz)

 

Zum Schluss sitzen wir wieder in Salta im Café – wo nur dieser Lionel – „unser“ Schuhputzer – ist? Nach all den Schluchten und staubigen Felsen, schreien unsere Schuhe nach Pflege… Schade, heute kommt er nicht. Für uns soll es morgen weitergehen: Nördlich von Salta warten weitere Höhepunkte: Die Quebrada de Humahuaca mit ihren bunten Bergen und zahlreichen indianischen Gemeinden und Städtchen. Wow – so hatten wir uns Argentinien vorher gar nicht vorgestellt…

 

Dieser Text ist in leicht abweichender Form auf der Reiseseite www.raushier-reisemagazin.de unter der Rubrik 'Fernreisen' veröffentlicht worden.

 

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Das sog. Anfiteatro, Quebrada de las Conchas (Foto Jörg Schwarz)
Das sog. Anfiteatro, Quebrada de las Conchas (Foto Jörg Schwarz)

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